Håkan Hardenberger begeistert mit Rolf Martinssons Trompetenkonzert „Bridge“, Andris Nelsons dirigiert Mahler V.


Motiv aus Rolf Martinssons Trompetenkonzert „Bridge“

Die oben gezeigten sechs Töne bilden das Hauptmotiv des Trompetenkonzerts „Bridge“ – zumindest habe ich sie so gehört. Dieses kurze Motiv erklingt unmittelbar vor dem ersten Einsatz der Solotrompete und eröffnet damit ein Werk, das mich sofort begeistert hat – intelligent, virtuos und sofort fasslich, vertraut und überraschend zugleich, modern, aber nicht abschreckend, melodiös, aber niemals anbiedernd, ist dem schwedischen Komponisten Rolf Martinsson ein Konzert gelungen, das einen festen Platz in den Spielplänen mehr als verdient hätte. Martinsson nimmt auf ein Hörabenteuer mit, das einem erkennbaren Weg folgt, aber an jeder Wegbiegung unerwartete Ausblicke präsentiert. Natürlich bedient sich Martinsson munter im Fundus der Musikgeschichte, klingt mal wie Debussy, mal wie Alban Berg (!) oder gar wie Rachmaninow oder bringt Jazz-Elemente ein – aber was soll’s, wenn es derart gut gemacht ist? Ähnlich wie das Trompetenkonzert Bernd Alois Zimmermanns beweist auch dieses Werk, dass aus Bekanntem durchaus Originelles und vor allem Berührendes entstehen kann. Den Theodor-W.-Adorno-Gedächtnispreis für innovatives Komponieren gewinnt man damit vielleicht nicht, aber es gibt Schlimmeres.

Martinsson hat das Konzert dem Trompeter Håkan Hardenberger gewidmet, der es auch heute Abend im Gewandhaus spielt, und reizt die unglaublichen Fähigkeiten des Widmungsträgers voll aus. Von kantablen Melodiebögen bis zu hochvirtuosen Hochgeschwindigkeits-Passagen lässt Martinsson keine Möglichkeit der Trompete ungenutzt. Hardenberger wird dem hohen technischen und musikalischen Anspruch des Konzerts in jeder Sekunde gerecht. Vor allem die namensgebenden Brücken, mit denen Hardenberger die Sätze verbindet, sind ein einziger Hörgenuss.

Einen wesentlichen Anteil am Gelingen hat auch das Gewandhausorchester, das sich unter Andris Nelsons’ Leitung (gezwungenermaßen) zum respektablen Klangkörper für Neue Musik mausert. Was Riccardo Chailly dereinst versprochen hat – mehr Ur- und Erstaufführungen zu dirigieren – setzt Nelsons konsequent um. Die Präzision und Virtuosität des Orchesters sind beeindruckend – vor allem in diesem immer noch ungewohnten musikalischen Kontext. Dieses Orchester kann tatsächlich alles. Die positive Reaktion des Publikums auf Martinssons Konzert darf als Ermunterung verstanden werden, diesen Weg weiter zu beschreiten.

Dass das Orchester alles kann, beweist es auch nach der Pause in Gustav Mahlers fünfter Sinfonie. Leider nützen die schönsten Hornsoli im Scherzo und das zarteste Streicher-Schmachten im Adagietto nichts, wenn diese exquisiten Zutaten nicht vom Koch zusammengefügt werden. Ich habe heute das Gefühl, dass Nelsons sehr an der Partitur entlang dirigiert, sich von einem Abschnitt zum anderen bewegt, ohne ein übergeordnetes Konzept zu verfolgen. Nun ist Nelsons ja auch in seinen Bruckner-Aufführungen und -einspielungen eher damit aufgefallen, den Klang auszukosten, als musikalisches Architekturstudium zu betreiben, aber heute hat mich dies erstmals gestört. Zugegeben, eine gewisse Zusammenhanglosigkeit liegt schon in der Partitur begründet; aber müsste man dann nicht gerade alles unternehmen, um das nebeneinander Stehende zu verbinden? Nelsons’ Aufführung der Dritten mit dem Boston Symphony Orchestra hat mir jedenfalls deutlich besser gefallen (https://brahmsianer.de/heiliger-bimbam).

Frank Sindermann

Tipp: Es gibt eine Aufnahme von Martinssons Trompetenkonzert mit Hardenberger beim Label „BIS“, die ich uneingeschränkt empfehlen kann.

27. September 2018, 20 Uhr
Gewandhaus, Großer Saal

Gewandhausorchester
Andris Nelsons, Dirigent
Håkan Hardenberger, Trompete



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