Musikalische Wunderlampe

Das MDR-Sinfonieorchester spielt im Gewandhaus orientalische Fantasien, darunter zwei Raritäten.

Kerem Hasan | © Tristan Fewings

Mehr Zauber geht nicht. Rimski-Korsakows Dauerbrenner „Sheherazade“, Borodins „Steppenskizze“, dazu zwei passend ausgewählte Neuentdeckungen: Das Programm des Konzerts „1001 Nacht“ passt ideal in die MDR-Reihe „Zauber der Musik“ und verspricht einen ebenso abwechslungsreichen wie inspirierenden Abend. Mit Engelbert Humperdincks „Ritt in die Wüste“ und Karol Szymanowskis Orchesterliedern nach Gedichten des Hafis erklingen zwei Werke, die völlig zu Unrecht ein Schattendasein im gegenwärtigen Konzertleben fristen – schon allein für diese lohnt sich der Besuch des Konzerts.

Den Anfang macht aber ein altbewährter Klassiker, Alexander Borodins schlichte, aber wirkungsvolle „Steppenskizze aus Mittelasien“. Hinter diesem etwas sperrigen Titel verbirgt sich eine stimmungsvolle Miniatur, die vor allem von der Schönheit der zwei kontrastierenden Themen lebt. Der britische Dirigent Kerem Hasan wählt ein mittleres Tempo und und hält die Musik stets im Fluss. Die Steigerung bis zum Höhepunkt, wenn die beiden Themen gleichzeitig erklingen, gestaltet er ebenso überzeugend wie das abschließende Verlöschen im Nirgendwo. Das MDR-Sinfonieorchester spielt klangschön (Soli!), aber noch etwas unsortiert, was die Intonation (hohe Violinen) und die Präzision gemeinsamer Akkorde (Holzbläser) angeht. Es wirkt, als seien noch nicht alle Beteiligten von Anfang an zu 100 Prozent bei der Sache.

Dies kann sich bei Szymanowskis Liebesliedern niemand mehr erlauben – nicht das Orchester, nicht der Dirigent und schon gar nicht der Solist. Bei letzterem handelt es sich heute Abend um den wunderbaren Mauro Peter, dessen warmer, edler Tenor ideal zum (gerade noch) spätromantischen Stil dieser acht schwelgerischen Lieder passt. Mit intelligenter Phrasierung, perfekter Artikulation und stimmlicher Durchsetzungskraft beweist Peter einmal mehr, dass er nicht nur im klassischen Repertoire zuhause ist. In manchen Liedern hätte ich mir noch ein wenig mehr interpretatorische Tiefe gewünscht. So spiegelt sich die große emotionale Bandbreite der acht Gedichte nicht durchweg in Peters Gesang wider. Immer schön und kultiviert, aber zu ähnlich geht Peter die einzelnen Lieder an. Kerem Hasan dirigiert die farbenreiche Partitur mit Gespür für feine Details und reagiert sehr umsichtig auf den Solisten, sodass dieser zum Glück nur selten vom luxuriös besetzten Orchester übertönt wird.

Nach der Pause folgt mit Engelbert Humperdincks „Ritt durch die Wüste“ die zweite Entdeckung des Abends. Das effektvolle, dramatisch bewegte Stück ist klar von Wagner inspiriert, geht aber doch eigene Wege. Die rundum gelungene Aufführung zeigt, dass man dem Komponisten beliebter Märchenopern Unrecht tut, wenn man ihn nur auf diese reduziert. Tipp: Auch die übrigen Sätze der „Maurischen Rhapsodie“ lohnen sich!

Den Abschluss bildet Nikolai Rimski-Korsakows sinfonische Suite „Scheherazade“, ein Meisterwerk der musikalischen Charakterisierung und Instrumentation und für viele sicherlich der Höhepunkt des Abends. Den Part der Solovioline übernimmt Orin Laursen, der heute als Gast die Position des Konzertmeisters innehat. Der erste Satz beginnt vielversprechend: dräuende Blechbläserakkorde, Laursens filigranes erstes Solo… doch dann macht sich matte Müdigkeit breit. Ich höre ein Orchester, das eine Musik, die es im Schlaf spielen könnte, so spielt, als schliefe es tatsächlich. Derart unterspannt habe ich diesen Satz selten gehört. Dies liegt nicht zuletzt am Dirigenten, der mehr Einsatz fordern müsste und auch sonst eher unauffällig bleibt. Zum Glück bessern sich die Dinge im weiteren Verlauf deutlich. Hervorzuheben sind vor allem der gefühlvoll musizierte dritte Satz und das Finale, welches schon allein aufgrund seiner enormen Schwierigkeit die letzten Feierabendträume der Musiker:innen verscheucht. Warum nicht gleich so? Ein wahres Fest sind die zahlreichen Soli von Flöte, Klarinette, Fagott, Horn, Harfe – und natürlich Orin Laursen, der das verkappte Violinkonzert virtuos und mit edlem, schlankem Ton spielt. Dieser Scheherazade hört man gern zu – vielleicht sogar 1001 Nacht lang.

Eine Aufzeichnung des Konzerts ist unter folgendem Link abrufbar: https://www.mdr.de/klassik/hoeren-sehen/leipzig-gewandhaus-kerem-hasan-dirigiert-100.html

Frank Sindermann

Sonntag, 14. April 2024
Gewandhaus, Großer Saal

MDR-Sinfonieorchester
Orin Laursen, Konzertmeister
Mauro Peter, Tenor
Kerem Hasan, Dirigent

Lux perpetua

Franz Welser-Möst dirigiert Verdis Requiem im ausverkauften Gewandhaus (English translation available)

Bild von lmaresz auf Pixabay

Kaum zu glauben, aber wahr: Das Gewandhausorchester hat Verdis Requiem zuletzt im Jahr 1960 aufgeführt! Das deutlich zu lange lange Warten hat sich aber gelohnt: auf einem höheren musikalischen Niveau wird man dieses Werk aktuell schwerlich hören können.

Das Gewandhausorchester spielt den anspruchsvollen Orchesterpart präzise und farbig, hält die Spannung bis zum Schluss und reagiert wach auf die Versuche des Dirigenten Franz Welser-Möst, seinen vorauseilenden Tenor wieder einzufangen. Dieses ist vor allem in der ersten halben Stunde immer wieder nötig, da Limmie Pulliam sich leider nicht davon abbringen lässt, sein eigenes (schnelleres) Tempo zu fahren. Mit seinem durchdringenden, metallischen Organ bringt Pulliam alle Voraussetzungen mit; leider macht ihm aber die Aufregung öfter einen Strich durch die Rechnung. Abgesehen von seiner Nervosität irritert der Sänger allerdings auch sonst, so zB durch lautes Husten während eines Solos seiner Kollegin Deniz Uzun. Dies ist umso bedauerlicher, als jeder ihrer Töne unbedingt hörenswert ist. Uzun führt ihre ausdrucksstarke, warme Mezzosopran-Stimme in immer neue Gefühlsregionen und wird dem theatralischen, musikdramatischen Gehalt des Requiems in besonderem Maß gerecht. Wunderbar auch ihr perfektes Zusammenspiel mit der großartigen Asmik Grigorian, die nicht nur stimmlich das ewige Licht herbeisingt, sondern das Publikum auch emotional zu berühren versteht. Ein klangschöneres, innigeres „Libera me“ habe ich nie zuvor gehört, schon gar nicht live. Punkt. Mika Kares vervollständigt das hochkarätige Solist:innenquartett. Sein kraftvoller Bass strahlt Autorität und Ernst aus, kann aber ebenso warm und einfühlsam klingen – großartig!

Der MDR-Rundfunkchor besticht durch Klangschönheit und Wandlungsfähigkeit und wird so dem geflüsterten Beginn ebenso gerecht wie den Exzessen des Dies irae. Leider ist der Chor nicht immer optimal zu hören, wie auch ganz allgemein die klangliche Balance nicht immer überzeugt. In den lauten Tutti-Passagen, aber auch schon ganz zu Anfang, übertönt das Orchester mitunter den Chor und lässt damit manche Nuancen unter den Tisch fallen. Anders gesagt: Es nützt nichts, wenn der Chor sein erstes „Requiem“ extrem leise flüstert, wenn das Orchester gleichzeitig lauter spielt. Franz Welser-Möst geht das Werk dramatisch an und bevorzugt ein eher rasches Tempo. Seine Lesart ist effektvoll und zupackend – das göttliche Licht scheint hier sozusagen nicht durch Buntglasfenster auf den Kirchenboden, sondern wird von Scheinwerfern auf die Opernbühne gestrahlt. Den Fokus auf die opernhaften Elemente zu legen, ist völlig legitim, wenn das Konzept so konsequent umgesetzt wird wie in diesem Fall. Nachdem der Schlussakkord verklungen ist, hält der Dirigent die Spannung noch lange aufrecht, bevor der begeisterte Applaus losbricht. Standing Ovations und langanhaltender Jubel sind der Dank für einen zwar nicht perfekten, aber dennoch herausragenden Konzertabend.

(Frank Sindermann)

English translation

It’s hard to believe, but true: The Gewandhaus Orchestra last performed Verdi’s Requiem in 1960! However, the exceedingly long wait was worth it: it would be difficult to hear this work performed at a higher musical level currently.

The Gewandhaus Orchestra plays the challenging orchestral part precisely and colorfully, maintains tension until the end, and is alert to the conductor Franz Welser-Möst’s attempts to catch up with his runaway tenor. This is especially necessary during the first half-hour, as Limmie Pulliam unfortunately insists on setting his own (faster) pace. With his penetrating, metallic voice, Pulliam has all the prerequisites; however, nervousness often spoils his performance. Apart from that, the singer is also otherwise distracting, such as loudly coughing during a solo of his colleague Deniz Uzun. This is all the more regrettable because every note of hers is worth listening to. Uzun leads her expressive, warm mezzo-soprano voice into ever new emotional territories and fulfills the theatrical, music-dramatic content of the Requiem to a special extent. Her perfect interplay with the wonderful Asmik Grigorian, who not only vocally summons the eternal light but also knows how to touch the audience emotionally, is marvelous. I have never heard a more beautiful, more heartfelt “Libera me,” certainly not live. Mika Kares completes the high-caliber soloist quartet. His powerful bass radiates authority and seriousness but can also sound warm and empathetic – magnificent!

The MDR radio choir impresses with its sound beauty and versatility, doing justice to both the whispered beginning and the excesses of the Dies Irae. Unfortunately, the choir is not always optimally heard, as is the case with the overall sound balance not always convincing. In loud tutti passages, and even at the very beginning, the orchestra sometimes drowns out the choir, losing some nuances in the process. In other words: It’s futile if the choir whispers its first „Requiem“ extremely softly while the orchestra plays louder at the same time. Franz Welser-Möst approaches the work dramatically and prefers a rather rapid tempo. His interpretation is effective and gripping – divine light here is not so much shining through stained glass windows onto the church floor as it is being spotlighted onto the opera stage. Focusing on the operatic elements is completely legitimate when the concept is implemented as consistently as in this case. After the final chord has faded, the conductor keeps the tension high for a long time before the enthusiastic applause breaks out. Standing ovations and prolonged cheers are the thanks for a concert evening that, although not perfect, is still outstanding.

(Frank Sindermann)

Donnerstag, 11. April 2024
Gewandhaus, Großer Saal
Giuseppe Verdi: Messa da Requiem

Gewandhausorchester
MDR-Rundfunkchor
Asmik Grigorian, Sopran
Deniz Uzun, Mezzosopran
Limmie Pulliam, Tenor
Mika Kares, Bass
Franz Welser-Möst, Dirigent