Das Boston Symphony Orchestra ist zu Gast im Gewandhaus und begeistert mit Mahlers 3. Sinfonie das Leipziger Publikum.

Boston Symphony Orchestra  / Andris Nelsons © Marco Borggreve

Schon vor Beginn des Konzerts ist alles anders. Während das Publikum noch seine Plätze einnimmt, sitzen die Musiker_innen des Boston Symphony Orchestra bereits auf dem Podium und spielen sich ein. Das klingt ein wenig nach Orchestergraben, weckt Vorfreude auf die Musik und wirkt deutlich nahbarer als der weihevolle Einzug europäischer Orchester.

Während das Orchester sich aufwärmt, bereite auch ich mich mental auf Mahlers 3. Sinfonie vor, die gleich beginnen und erst beachtliche 100 Minuten später verklungen sein wird.

Allein der erste Satz dauert über eine halbe Stunde und damit länger als so manche komplette Sinfonie. Andris Nelsons, Gewandhauskapellmeister und zugleich Chefdirigent des Boston Symphony Orchestra (BSO), leitet das heutige Gastspiel des traditionsreichen amerikanischen Ausnahmeorchesters im Rahmen der zweiten Leipziger Boston-Woche und kaum ein anderes Werk des sinfonischen Repertoires wäre geeigneter, die Qualitäten des Orchesters zu präsentieren.

Schon die Eröffnung des Kopfsatzes lässt aufhorchen: Kraftvoll und klanglich bewundernswert homogen spielt das Hornoktett im Unisono jenes an Brahms angelehnte, aber völlig anders wirkende Thema, das Aufbruch verheißt, aber dann – ehe man sich’s versieht – kraftlos verebbt. Nachdem der Satz eben erst begonnen hat, scheint er bereits wieder am Ende zu sein. Fatalistische, kraftlose Schläge der Großen Trommel lassen an den Gang zum Richtplatz aus Mahlers Lied „Der Tamboursg’sell“ denken. Trompetenfanfaren schmettern in die Stille, ohne dass ihr Ruf etwas bewirkt. Es ist eine kalte, unwirtliche Welt, die Welt der unbelebten Materie, die Mahler hier kompositorisch so überzeugend wie verstörend in Tönen ausgedrückt hat, als überdimensionalen Auftakt seiner philosophisch aufgeladenen Sinfonie über Pflanzen, Tiere, Mensch und Gott. Andris Nelsons geht den ersten Satz sehr kontrolliert an und betont eher das Ungewisse, Geheimnisvolle dieser im Entstehen begriffenen Welt, ohne aber die krawalligen Marschpassagen allzu sehr zurückzunehmen. Die exzellente Qualität der Musiker_innen wird sowohl in den zahlreichen Soli dieses und der kommenden Sätze als auch im disziplinierten Zusammenspiel als Orchestertutti immer wieder deutlich. Dies gilt ausnahmslos an allen Pulten. Gelegentliche Ansatzprobleme der Hörner und andere kleinere Ungenauigkeiten lassen sich bei einer Liveaufführung eines derart anspruchsvollen Werks nicht ganz vermeiden; vor ihnen ist auch das Gewandhausorchester nicht gefeit. Auch die Klangbalance ist nicht immer ideal austariert, aber bei einer Sinfonie dieses Umfangs kann man schlicht nicht jeden Takt einzeln erarbeiten und klanglich feinabstimmen.

Nach dem ersten Satz mit seinem beifallheischenden Schlussgetöse fällt es dem begeisterten Publikum schwer, die Hände ruhig zu halten, was auch nur teilweise gelingt. Aber Begeisterung hin oder her: Das ungeschriebene Gesetz des Konzertsaals verlangt, dass man erst nach knapp zwei Stunden aufgestauter Emotionen jubelt. Stattdesen trinken Nelsons und seine Musiker_innen erst einmal einen Schluck Wasser, um sich für die Wegstrecke zu stärken, die noch vor ihnen liegt. Es ist bei weitem nicht die von Mahler verlangte zehnminütige Pause, aber immerhin ein deutliches Innehalten.

Die zweite Abteilung der Sinfonie mit ihren fünf Sätzen bietet mehr Spannendes und Hörenswertes als hier beschrieben werden kann. Der beinahe anachronistisch anmutende zweite Satz („Tempo di Minuetto“) mit seinen wunderbaren Holbläser-Soli, die gebrochene Wunderhorn-Romantik des dritten Satzes mit ihren Tierlauten von Kuckuck bis Esel und betörendem Posthornsolo aus der Ferne – dies alles ist ganz wundervoll musiziert.

Im vierten Satz geht es um den Menschen, verkörpert durch eine Altstimme. Susan Graham findet für den von Mahler ausgewählten Nietzsche-Text genau den richtigen Ausdruck. Mit emotionaler Anteilnahme, aber ohne alle Sentimentalität gestaltet sie den Menschen als fragendes, suchendes und leidendes Geschöpf, das sich gleichwohl stets seiner Würde bewusst bleibt. Das klingt nicht nur warm und edel, sondern überzeugt auch konzeptionell.

Und dann läuten die Glocken, echte und gesungene. Das fröhlich-naive „Bimm bamm“ des Kinderchores gehört zu den eigentümlichsten Einfällen dieser Sinfonie und wirkt zusammen mit dem Engelsgesang des Frauenchores („Es sungen drei Engel einen süßen Gesang“) fast unfreiwillig komisch. Oder war das gar Mahlers Absicht? Der GewandhausKinderchor und die Damen des GewandhausChores absolvieren ihren kurzen Auftritt mit Bravour und müssen sich nicht hinter dem BSO verstecken, das hier aber leider manchmal etwas zu laut spielt und so seinerseits die vokalen Glöckchen und Engelein etwas zu weit in den Hintergrund rückt.

Der ausgedehnte Schlusssatz gehört für mich zu Mahlers beeindruckendsten Schöpfungen. Mit unendlich langem Atem, in sich ruhend, ist man hier beim Zuhören leicht „der Welt abhanden gekommen“ und vergisst völlig, wie lang diese Sinfonie inzwischen schon andauert. Als dann schließlich hymnische Schlussakkorde in strahlendem Dur diese seltsame und beeindruckende, experimentelle und konventionelle, wilde und sanfte, laute und leise, komplexe und naive Sinfonie beenden, kennt der Jubel kein Halten mehr und äußert sich in lang anhaltenden stehenden Ovationen.

Frank Sindermann

8. September 2018, 20 Uhr
Gewandhaus, Großer Saal

Boston Symphony Orchestra
Andris Nelsons, Dirigent
Damen des GewandhausChores
GewandhausKinderchor

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