Ist es wirklich schon so spät?

Alexander Shelley lässt im „Zauber der Musik“ Debussys Faun entspannt träumen, dreht dafür bei Brahms das Tempo auf; Gabriela Montero sprengt in Mozarts c-Moll-Klavierkonzert effektvoll den klassischen Rahmen.

Gewandhaus mit Mendebrunnen © Florian Koppe (CC BY-SA 3.0)

Alexander Shelleys Dirigierstil kann man vielleicht am besten mit dem etwas altmodischen Wort „schneidig“ bezeichnen; mit schnellen, präzisen, beinahe zackigen Gesten teilt Shelley Phrasen in Takte und Takte in Schläge, ohne dabei aber die Musik zu zerhacken – am Ende fügt er das klar Gegliederte wieder zu einem organischen Ganzen zusammen. Das ist faszinierend zu beobachten und überzeugt heute Abend vor allem in Mozarts c-Moll-Klavierkonzert, in dessen Kopfsatz Shelley die dramatische Energie wunderbar kanalisiert und klar auf den Punkt bringt. Das MDR-Sinfonieorchester spielt unter seiner Leitung einen modernen, frischen Mozart, der stilistisch voll auf der Höhe der Zeit ist und mit schlankem, kernigem Klang begeistert.

Den Klavierpart spielt die venezolanische Pianistin Gabriela Montero, die vor allem für ihr Improvisationstalent, aber auch ihr politisches Engagement berühmt ist. Letzteres zeigt sich heute Abend, als Montero das Entrollen der venezolanischen Flagge im Zuschauerraum mit einem „Gefällt mir!“-Daumen honoriert, ersteres äußert sich vor allem in der virtuosen Solokadenz des ersten Satzes und in der Zugabe, die sie nach Zuruf aus dem Publikum über den Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ improvisiert.

Monteros lebhaftes, klar akzentuiertes Mozart-Spiel passt bestens zu Shelleys forscher Interpretation des Orchesterparts. Die Kommunikation zwischen Montero und Shelley funktioniert tadellos und trägt ihren Teil zum runden Gesamteindruck bei.

Der zu Beginn des Konzerts gespielte „Nachmittag eines Fauns“ weiß vom zauberhaften Flötensolo zu Anfang bis zum Verklingen des letzten Tons vollauf zu überzeugen. Shelley widersteht gekonnt der Versuchung, aus der komponierten Bewegungslosigkeit des Stücks auszubrechen und lässt die vielen klanglichen Farbnuancen in immer neuen Kombinationen aufleuchten und wieder verlöschen.

Nach der Pause gibt es dann Brahms’ zweite Sinfonie. Shelley scheint all jene Lügen strafen zu wollen, die seit der Uraufführung den pastoralen, frühlingshaft-freundlichen Ton der Sinfonie betonen, indem er nicht nur (zu) schnelle Tempi wählt, sondern auch die durchaus vorhandenen dramatischeren Passagen des Kopf- und Finalsatzes etwas einseitig in den Vordergrund rückt. Das Seitenthema des ersten Satzes wird so zur vernachlässigten Episode, die flüchtig vorüberhuscht. Dem gesamten Satz fehlt die nötige Luft zum Atmen, alles wirkt unangenehm gehetzt und hyperaktiv. Das ist vor allem deshalb schade, weil das MDR-Sinfonieorchester soviel Schönes anzubieten hat, vor allem die grandiosen Holzbläser. Selbst dem strahlenden Blechbläser-Jubel des Schlusssatzes scheint Shelley nicht zu trauen und bietet stattdessen schrilles Siegesgeschrei. Das ist nicht schön, aber effektvoll, wie der tosende Beifall beweist. Viel besser gelingen hingegen die Mittelsätze, vor allem das originelle Scherzo. Hier erweist sich Shelleys präzise, energische Schlagtechnik als das Mittel der Wahl.

Frank Sindermann

14. Oktober 2018
Gewandhaus, Großer Saal

MDR-Sinfonieorchester
Alexander Shelley, Dirigent
Gabriela Montero, Klavier

Augenmusik

Andris Dzenītis’ „Māra für Orchester“ erschließt sich zumindest nicht auf Anhieb, Kristine Opolais begeistert mit Auszügen aus Tschaikowski-Opern und Andris Nelsons gibt einen titanischen Mahler.

Kristine Opolais, Andris Nelsons, Gewandhausorchester © Frank Sindermann

Das heutige Konzert des Gewandhausorchesters beginnt mit einer Uraufführung. Das etwa zwanzigminütige „Māra für Orchester“ des lettischen Komponisten Andris Dzenītis ist dessen Landsmann Andris Nelsons gewidmet und verdankt seine Entstehung einem Auftrag des Gewandhausorchesters und des Boston Symphony Orchestra. Laut Selbstauskunft des Komponisten wurde dieser durch „uralte Traditionen lettischer Folklore“ inspiriert, die indes kaum hörbar werden, sondern vor allem verschlüsselt den Noten eingeschrieben sind. Schon Johann Sebastian Bach verwendete oft Kreuzvorzeichen, wenn in einem vertonten Text von der Kreuzigung Jesu die Rede war; im Unterschied zum heute uraufgeführten Werk kann man mit der Musik jedoch auch etwas anfangen, ohne diesen Bezug zu kennen. Schon in der Renaissance wurden Effekte, die allein den Notenkundigen ins Auge fallen, wie beispielsweise schwarze Notenköpfe als Sinnbild der Nacht, als Manierismus kritisiert, und „Māra“ bietet diesen Manierismus in Reinkultur.

Denn was bleibt, wenn man die verbale und grafische Bedeutungsebene verlässt und sich allein auf das Klangerlebnis einlässt? Nicht viel. Einzelne Klangereignisse, oftmals zu Lasten der Streicher schlecht abgemischt, Leerlauf-Ostinati, die üblichen Klang-Eskalationen mit Blech und Gong, oftmals einfach ein sämiger, undifferenzierter Klangbrei. Dies alles ergibt für mich weder strukturell noch klangästhetisch viel Sinn. Wenn Dzenītis sagt, man erkenne seine Musik an „direkter Narration“, dann frage ich mich umso mehr, was er mir heute Abend eigentlich erzählen will. Alles in allem denke ich eher nicht, dass ein Werk wie „Māra“ einer Aufführung durch das Gewandhausorchester wirklich würdig ist. Die Musiker_innen des Orchesters scheinen das ähnlich zu sehen; Begeisterung sieht jedenfalls anders aus.

Als nächstes folgen Szenen aus Tschaikowski-Opern, die weder zu „Māra“ noch zur nachfolgenden Mahler-Sinfonie passen und ohnehin besser auf der Opernbühne aufgehoben sind. Die seltsame Konzeption des Konzerts einmal beiseite gelassen, überzeugt Weltstar Kristine Opolais mit emotionaler Einfühlung in die Rollen der Lisa und der Tatjana, wobei sie erstere vielleicht etwas überdramatisch angeht. Vor allem in Tatjanas Briefszene aus „Eugen Onegin“ trifft sie sehr genau deren Unsicherheit und Stimmungsschwankungen und lässt die Situation durch Mimik und Gestik so plastisch werden, wie dies im Rahmen einer konzertanten Aufführung nur möglich ist. Andris Nelsons und das Gewandhausorchester begleiten dezent und auf den Punkt, Oboe und Horn steuern wunderschöne Soli bei. Zwischen die Gesangsszenen hat man noch die brillant musizierte Polonaise aus „Eugen Onegin“ gesetzt und für kurze Zeit wähnt man sich im Wunschkonzert der Klassik.

Nach der Pause erklingt dann Mahlers 1. Sinfonie. Die Aufführung überzeugt von Anfang bis Ende und lässt die etwas unfokussierte Fünfte von Ende September vergesen. Wie Nelsons im ersten Satz das Entstehen der Musik aus dem Naturlaut zelebriert, den tänzerischen zweiten musikantisch feiert, im dritten den grotesken Trauermarsch über „Bruder Jakob“ klanglich abdämpft und es im Finale heroisch krachen lässt, ohne dabei die strukturelle Klarheit des Satzverlaufs zu vernachlässigen, ist durchweg bewundernswert. Immer spürt man, dass Nelsons einen bestimmten Zweck verfolgt, auf eine bestimmte Wirkung aus ist. Dass er stets bekommt, was er möchte, verdankt er (und verdanken wir) dem Gewandhausorchester, das sich heute Abend von seiner besten Seite zeigt. Herausforderungen und Fallstricke bietet Mahlers Partitur zuhauf – wie man sie scheinbar mühelos bewältigt, ist heute Abend zu erleben.

Schon die ersten Minuten wissen mit zartem Geigen-Flageolett und akzentuierten Klarinetten-, Horn- und Trompeten-Motiven zu überzeugen, und wenn dann die Celli mit warmem Klang das Hauptthema intonieren, möchte man dem Moment zurufen: „Verweile doch, du bist so schön!“ Aber dann würde man so viel Wunderbares verpassen in der kommenden Dreiviertelstunde – und wer möchte das schon?

Frank Sindermann

4. Oktober 2018
Gewandhaus, Großer Saal

Gewandhausorchester
Andris Nelsons, Dirigent


Schneeflöckchen, tanze!

Cusch Jung inszeniert an der Oper Leipzig Puccinis „La fanciulla del West“ ohne viele Überraschungen, dafür aber mit umso mehr Kunstschnee.

„La fanciulla del West“ (Oper Leipzig; Solisten, Herren des Opernchores) © Tom Schulze

Dass Puccinis Western-Oper „La fanciulla del West“ bei weitem nicht so bekannt und beliebt ist wie die Dauerbrenner „Tosca“, „La Bohème“ oder „Madama Butterfly“, liegt sicherlich hauptsächlich in ihrem Mangel an berühmten Ohrwürmern begründet, vielleicht aber auch in der völlig hanebüchenen Geschichte um Goldgräber mit Herz, die ihrer verehrten und begehrten Minnie zunächst galant den Hof machen, um sie dann anstandslos mit einem überführten Verbrecher von dannen ziehen zu lassen. Nun ja, wollte man Opernhandlungen nach ihrer Realitätsnähe und Glaubwürdigkeit beurteilen, käme man auch sonst nicht sehr weit.

Cusch Jung, Chefregisseur der Musikalischen Komödie, nimmt die Story, wie sie ist und erlaubt sich nur ganz zum Schluss ein szenisches Fragezeichen nach dem vermeintlichen Happy End. Über weite Strecken beschränkt er sich darauf, routiniert die Geschichte zu erzählen, wobei ihm besonders die Ensembleszenen des ersten Akts hervorragend gelingen. So vermeidet Jung statische Bilder und zeigt das bunte Treiben in vielen parallelen Szenen. Die Herren des Opernchors tragen das Konzept mit und präsentieren sich heute Abend nicht nur stimmlich in Höchstform, sondern verkörpern die Goldgräberbande auch darstellerisch überzeugend.

Spielt der erste Akt in einer Bergwerks-Kaue aus Stein und Stahl (Bühnenbild: Karin Fritz), finden wir uns im zweiten Akt in Minnies heimeliger Holzhütte wieder, die durch die vorbeiwirbelnden Schneeflocken noch gemütlicher wirkt. Hier zeigt sich erneut Jungs Vorliebe für pittoreske Details, die in ihrem Naturalismus mitunter unfreiwillig komisch geraten. Mögen in Musicals wie „Dracula“ oder „Der Graf von Monte Cristo“ Pyrotechnik und knarrende Särge noch als genretypisch durchgehen, wirken tanzende Schneeflocken im Opernkontext etwas albern. Leider sind die intimen Szenen des zweiten Aktes insgesamt recht einfallslos inszeniert und plätschern eher uninspiriert dahin. So bleibt das Stelldichein Minnies mit ihrem Geliebten etwas blass – zumindest szenisch; denn sängerisch lassen Meagan Miller als Minnie und Gaston Rivero als Dick Johnson kaum Wünsche offen.

Millers Spiel wird der verletzlichen Seite Minnies gleichermaßen gerecht wie ihrer Bodenständigkeit und Durchsetzungskraft. Ihr Sopran weiß in jedem Register zu überzeugen und bildet die ganze Bandbreite an Emotionen ab, die Minnie im Verlauf der Oper durchlebt; so trifft Miller den freundlich-belehrenden Tonfall der Bibelstunde ebenso gut wie die Romantik der Liebesszene oder die hochkochenden Emotionen des letzten Akts. Gaston Rivero gibt den Gauner Johnson als einen Mann voller Zweifel, den die Begegnung mit Minnie von seinem eher unfreiwillig eingeschlagenen Weg abbringt. Der Tenor beeindruckt mit Strahlkraft und Glanz, benötigt für den einen oder anderen Spitzenton jedoch etwas Anlauf. Bariton Simon Neal meistert die komplexe Rolle des Sheriffs mit beeindruckender stimmlicher und schauspielerischer Nuancierungskunst und sorgt durch seine differenzierte Darstellung dafür, dass dieser nie als Witzfigur erscheint, sondern als ernstzunehmender Charakter, in dem Recht und Ordnung gegen übermächtige Gefühle kämpfen. Auch die Nebenrollen sind durchweg sehr gut besetzt; stellvertretend genannt seien hier Randall Jakobsh, der dem resoluten Ashby mit profundem Bass Kontur verleiht, und Jonathan Michie als impulsiver und gleichzeitig empfindsamer Sonora.

Das Gewandhausorchester zeigt sich von seiner besten Seite und lenkt durch so manches wundervolle Solo beinahe vom Bühnengeschehen ab; Generalmusikdirektor Ulf Schirmer sorgt indes stets dafür, dass der dramaturgische Faden nicht abreißt. Nur selten, vor allem im ersten Akt, überdeckt das Orchester mitunter die Sänger_innen und noch seltener driftet das Geschehen im und jenseits des Orchestergrabens etwas auseinander. Nach kurzer Einspielzeit sind diese leichten Koordinationsprobleme aber überwunden.

Zum Schluss stehen Minnie und ihr Geliebter Dick Johnson an einer Grenzmauer zur Flucht bereit, die sich der selbsternannte größte Präsident aller Zeiten nicht imposanter wünschen könnte, und gehen einer ungewissen Zukunft entgegen. Was am Ende bleibt, ist ein musikalisch erstklassiger Opernabend mit einer durchaus ergreifenden, geradlinig erzählten Geschichte. Inszenierung und Bühnenbild sind nicht allzu originell geraten, dafür aber stimmig und nachvollziehbar. Alles in allem dürfte sich die Produktion damit vor allem für diejenigen lohnen, die einen klassischen Opernabend erleben möchten, der weder überrascht noch schockiert, dafür aber musikalisch auf ganzer Linie überzeugt. Begeisterter Applaus für alle Beteiligten.

Frank Sindermann

29. September 2018
Oper Leipzig

Weitere Aufführungen: 28.10., 10.11., 24.11., 2.12.2018

Brücke zur Neuen Musik

Håkan Hardenberger begeistert mit Rolf Martinssons Trompetenkonzert „Bridge“, Andris Nelsons dirigiert Mahler V.


Motiv aus Rolf Martinssons Trompetenkonzert „Bridge“

Die oben gezeigten sechs Töne bilden das Hauptmotiv des Trompetenkonzerts „Bridge“ – zumindest habe ich sie so gehört. Dieses kurze Motiv erklingt unmittelbar vor dem ersten Einsatz der Solotrompete und eröffnet damit ein Werk, das mich sofort begeistert hat – intelligent, virtuos und sofort fasslich, vertraut und überraschend zugleich, modern, aber nicht abschreckend, melodiös, aber niemals anbiedernd, ist dem schwedischen Komponisten Rolf Martinsson ein Konzert gelungen, das einen festen Platz in den Spielplänen mehr als verdient hätte. Martinsson nimmt auf ein Hörabenteuer mit, das einem erkennbaren Weg folgt, aber an jeder Wegbiegung unerwartete Ausblicke präsentiert. Natürlich bedient sich Martinsson munter im Fundus der Musikgeschichte, klingt mal wie Debussy, mal wie Alban Berg (!) oder gar wie Rachmaninow oder bringt Jazz-Elemente ein – aber was soll’s, wenn es derart gut gemacht ist? Ähnlich wie das Trompetenkonzert Bernd Alois Zimmermanns beweist auch dieses Werk, dass aus Bekanntem durchaus Originelles und vor allem Berührendes entstehen kann. Den Theodor-W.-Adorno-Gedächtnispreis für innovatives Komponieren gewinnt man damit vielleicht nicht, aber es gibt Schlimmeres.

Martinsson hat das Konzert dem Trompeter Håkan Hardenberger gewidmet, der es auch heute Abend im Gewandhaus spielt, und reizt die unglaublichen Fähigkeiten des Widmungsträgers voll aus. Von kantablen Melodiebögen bis zu hochvirtuosen Hochgeschwindigkeits-Passagen lässt Martinsson keine Möglichkeit der Trompete ungenutzt. Hardenberger wird dem hohen technischen und musikalischen Anspruch des Konzerts in jeder Sekunde gerecht. Vor allem die namensgebenden Brücken, mit denen Hardenberger die Sätze verbindet, sind ein einziger Hörgenuss.

Einen wesentlichen Anteil am Gelingen hat auch das Gewandhausorchester, das sich unter Andris Nelsons’ Leitung (gezwungenermaßen) zum respektablen Klangkörper für Neue Musik mausert. Was Riccardo Chailly dereinst versprochen hat – mehr Ur- und Erstaufführungen zu dirigieren – setzt Nelsons konsequent um. Die Präzision und Virtuosität des Orchesters sind beeindruckend – vor allem in diesem immer noch ungewohnten musikalischen Kontext. Dieses Orchester kann tatsächlich alles. Die positive Reaktion des Publikums auf Martinssons Konzert darf als Ermunterung verstanden werden, diesen Weg weiter zu beschreiten.

Dass das Orchester alles kann, beweist es auch nach der Pause in Gustav Mahlers fünfter Sinfonie. Leider nützen die schönsten Hornsoli im Scherzo und das zarteste Streicher-Schmachten im Adagietto nichts, wenn diese exquisiten Zutaten nicht vom Koch zusammengefügt werden. Ich habe heute das Gefühl, dass Nelsons sehr an der Partitur entlang dirigiert, sich von einem Abschnitt zum anderen bewegt, ohne ein übergeordnetes Konzept zu verfolgen. Nun ist Nelsons ja auch in seinen Bruckner-Aufführungen und -einspielungen eher damit aufgefallen, den Klang auszukosten, als musikalisches Architekturstudium zu betreiben, aber heute hat mich dies erstmals gestört. Zugegeben, eine gewisse Zusammenhanglosigkeit liegt schon in der Partitur begründet; aber müsste man dann nicht gerade alles unternehmen, um das nebeneinander Stehende zu verbinden? Nelsons’ Aufführung der Dritten mit dem Boston Symphony Orchestra hat mir jedenfalls deutlich besser gefallen (https://brahmsianer.de/heiliger-bimbam).

Frank Sindermann

Tipp: Es gibt eine Aufnahme von Martinssons Trompetenkonzert mit Hardenberger beim Label „BIS“, die ich uneingeschränkt empfehlen kann.

27. September 2018, 20 Uhr
Gewandhaus, Großer Saal

Gewandhausorchester
Andris Nelsons, Dirigent
Håkan Hardenberger, Trompete



Der Weg zum ewigen Licht

Sinfonieorchester und Rundfunkchor des MDR eröffnen unter der Leitung von Risto Joost mit Gustav Mahlers „Auferstehungssinfonie“ die neue Konzertsaison.

Foto: © Andreas Lander

„Aufersteh’n, ja aufersteh’n wirst du, mein Herz, in einem Nu!“ – so heißt es in Klopstocks Text, den Gustav Mahler im letzten Satz seiner „Auferstehungssinfonie“ vertont; doch musikalisch dauert es immerhin über 80 Minuten, bis diese erlösenden Worte erklingen. Dass die Zeit an diesem Abend trotzdem wie „im Nu“ verfliegt, liegt vor allem an der hervorragenden Leistung aller Beteiligten.

Risto Joost erweist sich vor allem als energiegeladener Motivator, der die Spannungskurve über alle Brüche und Kontraste der Partitur hinweg stets aufrecht erhält und vor allem den nervösen, psychisch angespannten Aspekt der Musik betont. Dies kommt dem düster-zerrissenen Kopfsatz sehr zugute, dem tänzerischen zweiten nicht in gleichem Maße. Das MDR-Sinfonieorchester folgt Joost stets aufmerksam und bleibt über die gesamte Spieldauer der Sinfonie konzentriert und engagiert.

Besonders gefällt mir am Orchester der Mut zum Risiko, das kompromisslose Ausloten der Extreme ohne doppelten Boden. Der Lohn ist vor allem eine große emotionale Unmittelbarkeit der Musik. Wenn die Hörner tatsächlich sehr, sehr leise spielen, dann wackelt zwar vielleicht der Einsatz in einem von zehn Fällen – die anderen neun geraten dafür aber einfach traumhaft und sind den Einsatz allemal wert. Auch das oft beobachtete zaghaft klappernde „Anspringen“ von Bläserakkorden ist heute Abend kein Problem. Selbstbewusstsein ist hier alles!

Die viefältigen orchestralen Mittel der Sinfonie ermöglichen es dem Orchester, zur Saisoneröffnung an jedem Pult zu glänzen: Von zarten Pizzicato-Klängen bis durchdringenden Dies-irae-Tuben, von Vogelgezwitscher bis Ferntrompeten bietet Mahler alles auf, was an Klangeffekten gut und teuer ist – und die MDR-Sinfoniker_innen machen daraus ein wahres Fest.

Gerhild Romberger verleiht der menschlichen Pein und Sehnsucht nach dem Paradies mit würdigem Ernst Ausdruck und wirkt stets emotional engagiert, ohne dabei je ins Sentimentale oder Kitschige zu verfallen. Katharina Konradi überzeugt ebenfalls auf ganzer Linie. Besonders beeindruckend gelingt ihr der von Mahler geforderte Wechsel vom klanglichen Verschmelzen mit dem Chor zum solistischen Hervortreten.

Der MDR-Rundfunkchor muss sich zunächst gedulden und eine gute Stunde lang auf seinen Einsatz im letzten Satz warten, der dann aber umso beeindruckender gelingt. Vom zarten, geradezu mystischen A-Cappella-Einsatz im dreifachen Pianissimo bis zum durchsetzungsstarken dreifachen Forte des Finales meistert der Chor jede noch so große Herausforderung mit Bravour – besser kann dieser verboten schwere Chorpart wohl nicht gesungen werden.

Um den Chor schon früher ins Spiel zu bringen, ist heute Abend der Sinfonie eine A-cappella-Bearbeitung des Rückert-Liedes „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ vorangestellt, in der man die hohe Klangkultur des Chores bereits ausgiebig bewundern kann. Ästhetisch überzeugt mich Clytus Gottwalds Bearbeitung nicht – so schön sie auch klingen mag; zum einen ist der wunderbare Dialog zwischen Singstimme und Englischhorn in der Chorfassung komplett in der Klangfläche aufgelöst, zum anderen wird die Struktur des Stückes sehr verunklart, wenn Einleitung, Hauptteil und Nachspiel jeweils auf Text gesungen werden. Auch geht es bei dem Lied um das Gefühl eines einzelnen Menschen, der sich von der Welt abgewendet hat, was durch eine Solostimme meines Erachtens passender verkörpert wird als durch einen Chor. Da das Lied generell nicht zwingend zur nachfolgenden Sinfonie passt und Mahlers eigene Dramaturgie der monumentalen Sinfonie letztlich verfälscht, hätte man auf diesen Effekt vielleicht besser verzichtet.

Abgesehen davon lässt die heutige Aufführung kaum Wünsche offen und zeigt Sinfonieorchester und Rundfunkchor des MDR zur Saisoneröffnung in bester Verfassung. Das Publikum dankt mit begeistertem Beifall.

Frank Sindermann

16. September 2018, 19.30 Uhr
Gewandhaus, Großer Saal

MDR-Sinfonieorchester
MDR-Rundfunkchor
Risto Joost, Dirigent
Katharina Konradi, Sopran
Gerhild Romberger, Alt