Neubeginn

Das Gewandhausorchester eröffnet die 240. Saison coronabedingt mit einem reinen Beethoven-Programm.

Gewandhaus zu Leipzig © pixabay

Es ist ein wirklich schönes Gefühl, nach Monaten der Corona-Unterbrechung wieder ein Konzert des Gewandhausorchesters im Großen Saal erleben zu können. Das „Sommerfestival“ im Mendelssohn-Saal war zwar ein gut gemeintes und gut gemachtes Trostpflaster, doch erst heute habe ich das Gefühl, dass es wieder „richtig“ losgeht. Zur Eröffnung der 240. Saison sind die Musikerinnen und Musiker jedenfalls hoch motiviert, das Podium frisch renoviert und auf dem Programm stehen Dauerbrenner von der Best-of-Klassik-Playlist, die eigentlich immer gefallen. Als Solist gibt Krystian Zimerman sein lang ersehntes Gewandhaus-Debüt, nachdem er hier bereits im vergangenen Jahr mit einem Klavierabend für Begeisterung gesorgt hat (https://brahmsianer.de/keine-frage-des-alters). Herz, was begehrst du mehr?

Nach freundlichen Worten des Gewandhausdirektors und des Orchestervorstands beginnt das Konzert mit Beethovens Ouvertüre „Die Weihe des Hauses“, die vor allem daran krankt, dass der Komponist sie als multifunktionales Gebrauchsstück konzipiert hat, das neben seiner ursprünglichen Bestimmung auch zu weiteren Anlässen spielbar sein sollte. Herausgekommen ist entsprechend „irgendein“ Eröffnungsstück, das irgendwie zu jeder Einweihung passt, sei es ein neues Konzerthaus oder ein neues Podium für dasselbe. Das Gewandhausorchester unter Andris Nelsons spielt engagiert, was das Stück für mich persönlich aber auch nicht interessanter macht. Dass eine der wenigen charakteristischen Stellen, nämlich die virtuosen Begleitfiguren im Fagott, klanglich zugedeckt werden, ist da umso bedauerlicher.

Musikalisch ungleich interessanter wird es in Beethovens drittem Klavierkonzert. Leider wird Solist Krystian Zimerman den hohen Erwartungen nicht in jenem Maß gerecht, das man von ihm erwarten konnte: Technische Ungenauigkeiten und eine undifferenzierte Artikulation trüben den Genuss leider erheblich. Im ersten Satz, den Nelsons relativ schnell angeht, wirkt Zimermans Spiel mitunter kurzatmig und eher gehetzt als souverän, im Schlusssatz setzt er das rechte Pedal allzu oft als Verschleierungswerkzeug ein. Welch großartiger Pianist Zimerman eigentlich ist, scheint vor allem im lyrischen Mittelsatz auf, der mich aber trotzdem bei weitem nicht so berührt wie die in jeder Hinsicht herausragende Aufführung im letzten Jahr mit Igor Levit und Herbert Blomstedt (https://brahmsianer.de/pianissimo). Dies liegt auch an Nelsons, der das überreiche Potenzial der Musik und des Gewandhausorchesters an diesem Abend nicht ansatzweise ausschöpft. Wie ein Künstler, der ratlos vor den schönsten und hochwertigsten Farben und Pinseln steht und nicht weiß, was er damit überhaupt malen soll, liefert Nelsons routiniert die Partitur ab, ohne besondere eigene Akzente zu setzen. Malen nach Zahlen ist aber für ein solches Orchester zu wenig, auch – oder erst recht – wenn das Bild von Beethoven stammt.

In der fünften Sinfonie sieht es kaum anders aus: Das Orchester zeigt sich von seiner besten Seite, der Dirigent fällt eher durch das hektische Umblättern der Partitur auf (bei Beethoven 5!), als dass er durch mitreißende Ideen aufhorchen ließe. Da kann die Oboe im ersten Satz noch so gefühlvoll ihr Solo spielen, können im zweiten Satz die Trompeten um die Wette strahlen – es wird kein kohärentes Ganzes daraus. Erwartet man nach den (zu?) schnellen Eröffnungstakten des Kopfsatzes noch, es mit einer rasanten, dynamischen Interpretation zu tun zu bekommen, verliert sich dieser Impetus sofort danach wieder. Und der Finalsatz vermeidet zwar durch sein schnelles Tempo hohles Pathos, ohne dass aber etwas anderes an dessen Stelle träte. Ich verstehe einfach nicht, worauf Nelsons mit dieser Fünften hinaus will, und das ist sehr bedauerlich, ist sie doch an allen Pulten glänzend gespielt. Bleibt abzuwarten, was Herbert Blomstedt dem Orchester in den nächsten Großen Concerten zu entlocken vermag.

Auch wenn mich der Abend musikalisch etwas enttäuscht hat, ist meine Freude über den musikalischen Neubeginn am Augustusplatz dennoch ungebrochen. Das Orchester hat jedenfalls aufs Schönste bewiesen, dass es die Zwangspause bestens überstanden hat.

Frank Sindermann

12. September 2020
Gewandhaus, Großer Saal

Gewandhausorchester
Andris Nelsons, Dirigent
Krystian Zimerman, Klavier

200 Jahre Clara Schumann

Im Eröffnungskonzert der Clara-Schumann-Festwochen spielt Lauma Skride deren Klavierkonzert mit Bravour. Zuvor erleben Betsy Jolas’ „Letters from Bachville“ ihre Uraufführung.

Lauma Skride | © Marco Borggreve

Uraufführung im Gewandhaus. Noch bevor ich den Saal betrete, sehe ich sie vor meinem inneren Auge: die zu erwartende übertrieben große Orchesterbesetzung, die zahlreichen, Trommeln, Gongs, Röhrenglocken, Klavier, Celesta etc. Ich trete ein und finde meine Vorahnung bestätigt. Seufzend lese ich das Programmheft mit dem Fragebogen, den in diesem Fall die renommierte französische Komponistin Betsy Jolas ausgefüllt hat. Sie wolle, so schreibt sie, mit ihrer Musik kommunizieren, verbinde mit dem Gewandhausorchester Johann Sebastian Bach und ihr neues Werk werde umherschweifen. So wenig ich mit derartigen Aussagen anfangen kann – in diesem Punkt stimme ich der Komponistin nach dem Hören ihres neuen Werkes zu: Es schweift tatsächlich umher, von hier nach dort, ohne erkennbare Richtung. Da es den Titel „Letters from Bachville“ trägt, erklingen natürlich die Töne B-A-C-H und es werden Melodien des Thomaskantors zitiert, die in diesem atonalen Umfeld ungefähr so passend wirken wie deutsche Sätze in einem finnischen Roman. Zwar weist die Programmheft-Einführung darauf hin, dass „Letters“ ja nicht nur Buchstaben, sondern auch Briefe seien – allein, der punktuelle, aphoristische Charakter der Musik lässt zumindest für mich nichts Kohärentes entstehen, das an einen Brief erinnerte. Andererseits gibt es ja auch kurze Briefe. So schrieb Friedrich der Große an Voltaire den kürzestmöglichen Brief überhaupt: „I“ heißt es darin in denkbar knappem Latein, „Geh!“. Heute Abend also die „Briefe“ B, A, C, und H?

Clara Schumanns Klavierkonzert, das heute im Mittelpunkt des Interesses steht, ist zwar inzwischen gut auf Tonträgern dokumentiert, fristet im Konzertleben aber immer noch ein Schattendasein. Ann-Katrin Zimmermann wirft im Programmheft die interessante Frage auf, ob man dieses Konzert auch dann noch heute spielen würde, wenn es nicht von einer Frau komponiert worden wäre. Auch wenn ich mir ziemlich sicher bin, dass dies nicht der Fall wäre, freue ich mich doch, jenes Werk einmal im Konzert zu erleben, das die sechzehnjährige Clara 1835 im Gewandhaus uraufgeführt hat.

Dies gilt noch mehr, wenn das Konzert derart überzeugend gespielt wird wie am heutigen Abend von Lauma Skride, die nicht nur die hohen technischen Hürden mühelos überspringt, sondern auch der Poesie den nötigen Raum gibt. Das gilt vor allem für das wunderschöne Duett mit dem Solocello im originellen zweiten Satz.

Nach der Pause erklingt Robert Schumanns sogenannte „Frühlingssinfonie“. Das Gewandhausorchester hat sich schon im Klavierkonzert von seiner besten Seite gezeigt, legt aber nun noch eine ganze Schippe drauf, was Klangschönheit, rhythmischen Drive und Spielfreude anbelangt. Dies liegt nicht zuletzt an Andris Nelsons, der trotz Sicherheits-Partitur auf dem Pult seinen Schumann bestens kennt und alles aus dem Orchester herausholt. So spannungsgeladen hört man die Durchführung des ersten Satzes kaum einmal, so fein ausgearbeitet das Larghetto selten, das Scherzo fast nie so tänzerisch und niemals ein derart klanglich aufpoliertes Finale. Dieses Orchester IST Schumann, Punkt.

Frank Sindermann

12. September 2019
Gewandhaus, Großer Saal

Gewandhausorchester
Andris Nelsons, Dirigent
Lauma Skride, Klavier

Unter Freunden

Die Schwestern Baiba und Lauma Skride spielen mit Harriet Krijgh Musik von Lili Boulanger und Clara Schumann. Als Gast schaut Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons vorbei.

Clara Wieck 1840 | Gemälde von Johann Heinrich Schramm

Clara Schumanns 200. Geburtstag scheint dem Gewandhaus sehr am Herzen zu liegen. Dies sieht man nicht nur an der Vielzahl ihrer Kompositionen, die dieser Tage in vielen Konzerten erklingen, sondern auch daran, dass Gewandhaus-Kapellmeister Andris Nelsons es sich in der heutigen Sonder-Kammermusik nicht nehmen lässt, den Solistinnen des Abends einen Kurzbesuch abzustatten. Ursprünglich wollte Nelsons, der nicht nur Dirigent, sondern auch studierter Trompeter ist, Paul Hindemiths Sonate für Trompete und Klavier vortragen. Stattdessen – vielleicht fehlte die Probezeit? – bläst er zwei Lieder Clara Schumanns als Lieder ohne Worte auf der Trompete sowie ein thematisch passendes Stück der russischen Komponistin Sofia Gubaidulina. Leider fügt sich der Klang der Trompete trotz sensiblen Spiels nicht besonders gut zu den nachdenklichen, stillen Liedern Clara Schumanns. Auch Andris Nelsons scheint sich nicht so recht wohl in seiner Haut zu fühlen und wirkt ein wenig unsicher. Trotzdem ist es eine schöne Geste, sich am Jubiläumskonzert zu beteiligen, die vom Publikum auch freundlich honoriert wird.

Gerahmt wird Nelsons’ Auftritt durch zwei wunderbare Stücke der jung verstorbenen Lili Boulanger, die wie zwei Seiten einer Medaille komponiert sind: Zwar unterscheiden sich „D’un soir triste“ und „D’un matin de printemps“ ausdrucksmäßig sehr stark, beruhen musikalisch aber auf dem gleichen Gedanken. Dies wird durch das Auseinanderreißen der Stücke leider etwas kaschiert – ich hätte sie jedenfalls lieber direkt hintereinander gehört, was auch den zweimaligen Bühenumbau vermieden hätte. Die Skride-Schwestern an Violine und Klavier sowie die Cellistin Harriet Krijgh sind hervorragend aufeinander eingespielt und arbeiten den unterschiedlichen Stimmungsgehalt der beiden Stücke zwischen stiller Traurigkeit und frühlingshaftem Optimismus überzeugend heraus.

Im zweiten Teil des Konzerts wird zunächst wieder in Zweierbesetzung musiziert. Baiba Skride spielt Clara Schumanns drei Romanzen op. 22 mit viel Herzblut, wobei ihr besonders die „brahmsische“ zweite sehr gut gelingt. Ihre Schwester Lauma begleitet umsichtig, fast zurückhaltend, setzt aber auch eigene Akzente. Das Zusammenspiel mit Harriet Krijgh in Robert Schumanns effektvollen „Adagio und Allegro“ op. 70 gerät nicht immer ganz präzise, auch ist die Intonation der niederländischen Cellistin nicht immer perfekt. Es entsteht ein wenig der Eindruck gekonnten Vom-Blatt-Spiels mit den dabei unvermeidlichen kleinen Unschärfen, die jedoch durch den frischen Eindruck spontanen Musizierens – wie damals im Haus der Schumanns! – mehr als ausgeglichen wird.

Claras Klaviertrio op. 17, sicherlich ihr ambitioniertester Beitrag zur Kammermusik, bildet schließlich den gelungenen Abschluss eines (fast) reinen Frauen-Konzerts, das einigen selten gespielten Werken zu neuer Aufmerksamkeit verholfen und gleichzeitig die freundschaftliche Atmosphäre eines musikalischen Salons im 19. Jahrhundert vermittelt hat.

Frank Sindermann

10. September 2019
Gewandhaus, Mendelssohn-Saal

Baiba Skride, Violine
Harriet Krijgh, Violoncello
Lauma Skride, Klavier
Andris Nelsons, Trompete

Meer als genug

Andris Nelsons eröffnet die 239. Gewandhaus-Saison mit Mozart, Debussy und Strawinsky.

Katsushika Hokusai: „Die große Welle vor Kanagawa“

Die Pressemappe zur 239. Gewandhaus-Saison wirbt mit dem Slogan „Frischer Wind überall“, was mir doch etwas übertrieben erscheint: Der Bruckner-Zyklus wird fortgesetzt, Herbert Blomstedt dirigiert Brahms, zum Jahreswechsel erklingt Beethovens Neunte, das Stadtteilprojekt geht weiter, es gibt mit HK Gruber einen zweiten Gewandhaus-Komponisten etc. Das ist alles durchaus erfreulich – aber frischer Wind?

Das Programm des Eröffnungskonzerts ist jedenfalls deutlich weniger ambitioniert als vor einem Jahr (https://brahmsianer.de/auftakt-in-ueberlaenge), aber dafür klug zusammengestellt. Gerade die Kombination von Debussys „La Mer“ und Strawinskys „Feuervogel“-Suite überzeugt, zeigt sie doch spannende Parallelen dieser auf den ersten Blick sehr unterschiedlichen Musik auf. Hierzu hätte auch Bartóks 3. Klavierkonzert sehr gut gepasst, das wegen einer Absage des Pianisten András Schiff leider entfällt.

Am Anfang des Konzerts steht nun stattdessen Mozarts Klavierkonzert G-Dur KV 453, das Martin Helmchen sehr klangschön und sensibel spielt. Es ist ein introvertierter, fast melancholischer Mozart, den wir in den ersten beiden Sätzen hören; im abschließenden Variationensatz herrscht dann reine Spielfreude. Das Gewandhausorchester unter Andris Nelsons hält sich über weite Strecken dezent im Hintergrund, setzt aber immer wieder auch eigene Akzente. Aufhorchen lassen vor allem die fabelhaften Holzbläser, die sich allerdings klanglich nicht immer gegen das Klavier durchsetzen können. Alles in allem eine sehr geschmackvolle, stilsichere Aufführung, die Lust auf mehr Mozart im Gewandhaus macht! Als Zugabe spielt Helmchen den langsamen Satz aus der Klaviersonate KV 332 – als intimes Selbstgespräch in vollendeter Klangkultur.

Genau jene Klangkultur vermisse ich nach der Pause in Debussys „La Mer“ hin und wieder. Während der wunderbar zarte, schwebende Beginn noch Anlass zu schönster Hoffnung gibt, wird die filigrane Struktur der Komposition im weiteren Verlauf des ersten Satzes ungeachtet schöner bis schönster Details nicht immer klar genug herausgearbeitet. Vor allem dessen Ende gerät Nelsons im Überschwang der Emotionen allzu effekthascherisch und laut. Weniger wäre hier eindeutig mehr gewesen. †††††††††††

Der zweite Satz ist ein wahres Fest großartiger Soli von Flöte, Oboe, Klarinette, Trompete, Harfen, … und ist klanglich deutlich besser abgemischt. Den dritten Satz präsentiert Nelsons als spannungsgeladenen Kampf der Elemente, dessen rhythmisch vertrackten Schluss er mustergültig realisiert.

Im „Feuervogel“ stimmt dann praktisch alles: Das schwermütige Wiegenlied gelingt ebenso überzeugend wie der wahnsinnige Tanz des bösen Königs, der anmutig schwebende Tanz des Feuervogels ebenso wie das prächtige Finale. Begeisterter Applaus für einen sehr gelungenen Saisonauftakt.

Frank Sindermann

31. August 2019
Gewandhaus, Großer Saal

Gewandhausorchester
Andris Nelsons, Dirigent
Martin Helmchen, Klavier

Meeresstille und glückliche Fahrt

Das Gewandhausorchester spielt Schumann zum Niederknien, Hélène Grimaud enttäuscht auf ganzer Linie.

Meeresstille (pixabay-Lizenz)

Entweder hat Hélène Grimaud ihren pianistischen Zenit bereits überschritten oder sie ist heute Abend einfach nicht gut in Form – einen anderen Schluss lässt ihre bestenfalls mittelmäßige Interpretation des Schumann-Klavierkonzerts eigentlich nicht zu. Schon die technische Bewältigung enttäuscht, mehr als einmal spielt die Pianistin schlicht falsche Töne, wirkt ihr Passagenspiel eher bemüht als gekonnt. Von natürlichem Fluss oder gar Brillanz keine Spur. Alles klingt stumpf, der Anschlag uneinheitlich bis beliebig, allzu viel versinkt mulmig im Pedal. Dazu schwankt Grimaud stellenweise derart im Tempo, dass Andris Nelsons mit dem Gewandhausorchester nur mühsam nachziehen kann. Mitunter misslingt dies auch, z. B. im Finale des ersten Satzes, wo Klavier und Orchester metrisch eigene Wege gehen. Der zweite Satz gelingt etwas besser, aber auch hier wirkt vieles belanglos, bleibt die Poesie auf der Strecke. Der Schlusssatz läuft zumindest glatt, wenn auch uninspiriert durch. Aus pianistischer Sicht ist dies insgesamt die schlechteste Aufführung des Konzerts, die ich je gehört habe, was umso bedauerlicher ist, als das Gewandhausorchester Grimaud einen mustergültigen Orchesterpart zu Füßen legt, ihr also gleichsam den roten Teppich aurollt. Vielleicht geht es der Pianistin heute tatsächlich nicht gut, was auch erklären würde, dass sie sich trotz erheblichem Applaus nicht zu einer Zugabe überreden lässt.

So enttäuschend das Schumann-Konzert, so begeisternd die beiden anderen Werke des Abends. Mendelssohns Konzertouvertüre „Meeresstille und glückliche Fahrt“ erfreut vom zurückhaltend-geheimnisvollen Anfang bis zum energiegeladenen Ende. Die Zweiteilung in Meeresstille und glückliche Fahrt wird mustergültig herausgearbeitet, die individuellen Leistungen der Gewandhaus-Musiker_innen sind nahezu makellos, unter ihnen vor allem jener erste Windhauch der Soloflöte, der die Meeresstille beendet, und die strahlenden Trompeten, welche die glückliche Fahrt feiern.

Und dann erst die „Rheinische“ – wie sehr wünschte ich mir, statt der eher anständigen als beeindruckenden Bruckner-Deutungen würden die Mendelssohn- und Schumann-Sinfonien auf CD veröffentlicht! Die heutige Aufführung der dritten Schumann-Sinfonie kann man nicht anders als maßstabsetzend nennen. Der kraftvolle Optimismus des Kopfsatzes, die Eleganz des zweiten, der sakrale Ernst des vierten – hier bleiben nirgends Wünsche offen. Ein Orchester in Höchstform und ein bis in die Zehenspitzen motivierter Dirigent bescheren dem Publikum ein musikalisches Großereignis, das ich nicht so bald vergessen werde. Besonders erfreulich ist dieser gelungene Abschluss des Konzertabends nach dem verunglückten Klavierkonzert im ersten Teil, nach dessen Untiefen das Gewandhaus seine glückliche Fahrt vom Konzertbeginn fast noch glücklicher – und beglückender – fortsetzt.

Frank Sindermann

17. Januar 2019
Gewandhaus, Großer Saal

Gewandhausorchester
Andris Nelsons, Dirigent
Hélène Grimaud, Klavier

Manueller Fokus

Andris Nelsons überzeugt im Gewandhaus mit einer sehr persönlichen Sicht auf Mendelssohn und Schumann.

Schärfentiefe (CC0, pixabay)

Die Gewandhauskonzerte dieser und der nächsten Woche sind Teil des Saisonschwerpunkts „Fokus: Mendelssohn & Schumann“, was an sich so notwendig ist wie Bach-Wochen beim Thomanerchor oder ein Wagner-Special in Bayreuth – hat doch das Gewandhausorchester Mendelssohn und Schumann ohnehin permanent im Autofokus. Auch die beiden Sinfonien des heutigen Konzerts wurden beide bereits in der vergangenen Saison gespielt, harren also auch nicht gerade ungeduldig der heutigen Aufführung.

Zum Glück deaktiviert Andris Nelsons zumindest musikalisch den Autofokus und zeigt seinen ganz eigenen Blick auf dieses Leipziger Standardrepertoire, präsentiert also das gängige Schnappschuss-Motiv gleichsam aus neuer Perspektive und mit einem manuellen Fokus, der andere Details scharfstellt als üblich.

Dies kommt vor allem Schumanns 2. Sinfonie zugute, deren große emotionale Tiefe Nelsons vor allem im ergreifenden langsamen Satz (Adagio espressivo) mit großem Ernst auslotet. Vom unsagbar zarten Anheben der Musik über die verhangenen Kontrapunkt-Abschnitte bis zum verklingenden Schluss entfaltet sich ein weite Klanglandschaft, deren Details Nelsons mit hoher Schärfentiefe belichtet.

Die Stimmung des Adagios färbt auch auf die übrigen Sätze ab, was den Kopfsatz geheimnisvoll, stellenweise fast düster wirken lässt. Erst gegen Ende weicht die Zurückhaltung emphatischer Freude. Das Scherzo kommt kontrastreich und spannend daher, die Streicher spielen ihre rasanten Figuren klar und präzise.

Der Finalsatz fällt gegen die grandiosen ersten drei leider etwas ab. Neben einigen spieltechnischen Ungenauigkeiten liegt dies vor allem an einer gewissen interpretatorischen Unentschlossenheit, die den Schlussjubel zwar zulässt, ihn aber nicht konsequent genug ausspielt. Man vergleiche z. B. Michael Gielen mit dem SWR-Orchester, der es am Schluss in Rekordtempo krachen lässt, oder Christoph von Dohnány mit dem Cleveland Orchestra, bei dem die letzten Paukentöne wie Hammerschläge des Schicksals zelebriert werden. Man muss diesen Lesarten nicht zustimmen, kann sie übertrieben oder pathetisch finden, aber sie sind prägnant und eindeutig, während das Finale heute etwas im Ungefähren verschwimmt.

Von Mendelssohn steht neben der schön gespielten, als Stück aber eher unspannenden „Ruy Blas“-Ouvertüre seine „Italienische“ Sinfonie auf dem Programm. Andris Nelsons lebt den freudigen Überschwang des eröffnenden Allegros körperlich aus und überträgt seine Begeisterung mühelos auf das Gewandhausorchester, das in jeder Hinsicht, vor allem aber in Holzbläser-Hinsicht, vollauf begeistert. So klingt es, wenn Energie zu Musik wird, wenn Begeisterung auf technisches Können trifft, wenn einzelne Instrumente in idealer Weise zu einem Klangkörper verschmelzen.

Das hohe musikalische Niveau wird in diesem Fall über alle vier Sätze gehalten. Die würdevolle Prozession des „Andante con moto“, das elegante Menuett, das wirbelnde Tanz-Finale: Ihnen allen verleiht Nelsons ihren ganz spezifischen Charakter – deutlich, aber ohne Übertreibung.

Angesichts der herausragenden Qualität der heutigen Aufführungen gerät die Frage nach Sinn oder Unsinn eines Mendelssohn- und Schumann-Schwerpunkts im Gewandhaus am Ende doch wieder in den Hintergrund. In diesem Sinne freue ich mich schon auf den nächsten Fokus. Mein Tipp: Beethoven.

Frank Sindermann

10. Januar 2019
Gewandhaus, Großer Saal

Gewandhausorchester
Andris Nelsons, Dirigent

Schöne Aussichten?

Andris Nelsons und das Gewandhausorchester besteigen einen mächtigen sinfonischen Berg, geraten dabei aber leider manchmal ins Straucheln.

Matterhorn (pixabay, CC0)

In einer Konzerteinführung für die Berliner Philharmoniker hat Herbert Blomstedt Bruckners 6. Sinfonie einmal mit einem gewaltigen Berg verglichen. Es sei zwar etwas anstrengend, diesen zu ersteigen, dafür werde die Mühe aber mit herrlichen Aussichten belohnt. Und er bringt noch ein weiteres Bild ins Spiel: Die vergleichsweise lange Spieldauer der Brucknerschen Sinfonien ergebe sich daraus, dass große Gedanken einfach Zeit brauchten – Bruckners Sechste sei eben eine Kathedrale, keine Dorfkirche.

Dass Anton Bruckners Sinfonien nicht nur für das Publikum eine große Herausforderung sind, sondern auch für die ausführenden Musiker_innen, stellt das Gewandhausorchester unter Andris Nelsons im heutigen Großen Concert unfreiwillig unter Beweis. Ungeachtet vieler schöner Solopassagen, des wie gewohnt berückend zarten Streicherklangs und glänzender Blechbläserfanfaren erreicht die Aufführung insgesamt nicht das Niveau, das man vom Gewandhausorchester erwarten darf. Das Tutti ist oft viel zu dick und lässt klangliche Differenzierung weitestgehend vermissen; der logische Aufbau der Sätze wird nicht wirklich herausgearbeitet, sondern durch zahlreiche Ungenauigkeiten eher noch verschleiert. Dass Bruckners Sinfonien mehr sind als eine überlange Aneinanderreihung schöner Stellen, wird heute Abend jedenfalls nur bedingt deutlich. Die von Herbert Blomstedt angekündigten schönen Aussichten sind tatsächlich traumhaft schön, lassen aber heute den Aufstieg als besonders holprig erscheinen.

Das zweite Werk des Abends, Richard Wagners „Siegfried-Idyll“, gelingt deutlich besser. Nelsons nimmt sich Zeit, lässt die Musik atmen und hält doch alles elegant im Fluss. Sehr gefühlvoll – nicht kitschig – interpretiert Nelsons diesen musikalischen Liebesbeweis Wagners an seine Frau, dessen reduzierte Besetzung nur mit Bläserseptett und Streichorchester für Wagner-Verhältnisse erstaunlich schlicht wirkt. Zwischen warmen Streicherkantilenen und stilisiertem Vogelgesang entfaltet sich eine ganz besondere, fast intime Atmosphäre; dass diese durch unsensibles Husten im Publikum an den unpassendsten Stellen mehrfach fast ruiniert wird, gehört wohl zu den unvermeidbaren Ärgernissen des Konzertbetriebs.

Frank Sindermann

7. Dezember 2018
Gewandhaus, Großer Saal

Gewandhausorchester
Andris Nelsons, Dirigent

Augenmusik

Andris Dzenītis’ „Māra für Orchester“ erschließt sich zumindest nicht auf Anhieb, Kristine Opolais begeistert mit Auszügen aus Tschaikowski-Opern und Andris Nelsons gibt einen titanischen Mahler.

Kristine Opolais, Andris Nelsons, Gewandhausorchester © Frank Sindermann

Das heutige Konzert des Gewandhausorchesters beginnt mit einer Uraufführung. Das etwa zwanzigminütige „Māra für Orchester“ des lettischen Komponisten Andris Dzenītis ist dessen Landsmann Andris Nelsons gewidmet und verdankt seine Entstehung einem Auftrag des Gewandhausorchesters und des Boston Symphony Orchestra. Laut Selbstauskunft des Komponisten wurde dieser durch „uralte Traditionen lettischer Folklore“ inspiriert, die indes kaum hörbar werden, sondern vor allem verschlüsselt den Noten eingeschrieben sind. Schon Johann Sebastian Bach verwendete oft Kreuzvorzeichen, wenn in einem vertonten Text von der Kreuzigung Jesu die Rede war; im Unterschied zum heute uraufgeführten Werk kann man mit der Musik jedoch auch etwas anfangen, ohne diesen Bezug zu kennen. Schon in der Renaissance wurden Effekte, die allein den Notenkundigen ins Auge fallen, wie beispielsweise schwarze Notenköpfe als Sinnbild der Nacht, als Manierismus kritisiert, und „Māra“ bietet diesen Manierismus in Reinkultur.

Denn was bleibt, wenn man die verbale und grafische Bedeutungsebene verlässt und sich allein auf das Klangerlebnis einlässt? Nicht viel. Einzelne Klangereignisse, oftmals zu Lasten der Streicher schlecht abgemischt, Leerlauf-Ostinati, die üblichen Klang-Eskalationen mit Blech und Gong, oftmals einfach ein sämiger, undifferenzierter Klangbrei. Dies alles ergibt für mich weder strukturell noch klangästhetisch viel Sinn. Wenn Dzenītis sagt, man erkenne seine Musik an „direkter Narration“, dann frage ich mich umso mehr, was er mir heute Abend eigentlich erzählen will. Alles in allem denke ich eher nicht, dass ein Werk wie „Māra“ einer Aufführung durch das Gewandhausorchester wirklich würdig ist. Die Musiker_innen des Orchesters scheinen das ähnlich zu sehen; Begeisterung sieht jedenfalls anders aus.

Als nächstes folgen Szenen aus Tschaikowski-Opern, die weder zu „Māra“ noch zur nachfolgenden Mahler-Sinfonie passen und ohnehin besser auf der Opernbühne aufgehoben sind. Die seltsame Konzeption des Konzerts einmal beiseite gelassen, überzeugt Weltstar Kristine Opolais mit emotionaler Einfühlung in die Rollen der Lisa und der Tatjana, wobei sie erstere vielleicht etwas überdramatisch angeht. Vor allem in Tatjanas Briefszene aus „Eugen Onegin“ trifft sie sehr genau deren Unsicherheit und Stimmungsschwankungen und lässt die Situation durch Mimik und Gestik so plastisch werden, wie dies im Rahmen einer konzertanten Aufführung nur möglich ist. Andris Nelsons und das Gewandhausorchester begleiten dezent und auf den Punkt, Oboe und Horn steuern wunderschöne Soli bei. Zwischen die Gesangsszenen hat man noch die brillant musizierte Polonaise aus „Eugen Onegin“ gesetzt und für kurze Zeit wähnt man sich im Wunschkonzert der Klassik.

Nach der Pause erklingt dann Mahlers 1. Sinfonie. Die Aufführung überzeugt von Anfang bis Ende und lässt die etwas unfokussierte Fünfte von Ende September vergessen. Wie Nelsons im ersten Satz das Entstehen der Musik aus dem Naturlaut zelebriert, den tänzerischen zweiten musikantisch feiert, im dritten den grotesken Trauermarsch über „Bruder Jakob“ klanglich abdämpft und es im Finale heroisch krachen lässt, ohne dabei die strukturelle Klarheit des Satzverlaufs zu vernachlässigen, ist durchweg bewundernswert. Immer spürt man, dass Nelsons einen bestimmten Zweck verfolgt, auf eine bestimmte Wirkung aus ist. Dass er stets bekommt, was er möchte, verdankt er (und verdanken wir) dem Gewandhausorchester, das sich heute Abend von seiner besten Seite zeigt. Herausforderungen und Fallstricke bietet Mahlers Partitur zuhauf – wie man sie scheinbar mühelos bewältigt, ist heute Abend zu erleben.

Schon die ersten Minuten wissen mit zartem Geigen-Flageolett und akzentuierten Klarinetten-, Horn- und Trompeten-Motiven zu überzeugen, und wenn dann die Celli mit warmem Klang das Hauptthema intonieren, möchte man dem Moment zurufen: „Verweile doch, du bist so schön!“ Aber dann würde man so viel Wunderbares verpassen in der kommenden Dreiviertelstunde – und wer möchte das schon?

Frank Sindermann

4. Oktober 2018
Gewandhaus, Großer Saal

Gewandhausorchester
Andris Nelsons, Dirigent


Brücke zur Neuen Musik

Håkan Hardenberger begeistert mit Rolf Martinssons Trompetenkonzert „Bridge“, Andris Nelsons dirigiert Mahler V.


Motiv aus Rolf Martinssons Trompetenkonzert „Bridge“

Die oben gezeigten sechs Töne bilden das Hauptmotiv des Trompetenkonzerts „Bridge“ – zumindest habe ich sie so gehört. Dieses kurze Motiv erklingt unmittelbar vor dem ersten Einsatz der Solotrompete und eröffnet damit ein Werk, das mich sofort begeistert hat – intelligent, virtuos und sofort fasslich, vertraut und überraschend zugleich, modern, aber nicht abschreckend, melodiös, aber niemals anbiedernd, ist dem schwedischen Komponisten Rolf Martinsson ein Konzert gelungen, das einen festen Platz in den Spielplänen mehr als verdient hätte. Martinsson nimmt auf ein Hörabenteuer mit, das einem erkennbaren Weg folgt, aber an jeder Wegbiegung unerwartete Ausblicke präsentiert. Natürlich bedient sich Martinsson munter im Fundus der Musikgeschichte, klingt mal wie Debussy, mal wie Alban Berg (!) oder gar wie Rachmaninow oder bringt Jazz-Elemente ein – aber was soll’s, wenn es derart gut gemacht ist? Ähnlich wie das Trompetenkonzert Bernd Alois Zimmermanns beweist auch dieses Werk, dass aus Bekanntem durchaus Originelles und vor allem Berührendes entstehen kann. Den Theodor-W.-Adorno-Gedächtnispreis für innovatives Komponieren gewinnt man damit vielleicht nicht, aber es gibt Schlimmeres.

Martinsson hat das Konzert dem Trompeter Håkan Hardenberger gewidmet, der es auch heute Abend im Gewandhaus spielt, und reizt die unglaublichen Fähigkeiten des Widmungsträgers voll aus. Von kantablen Melodiebögen bis zu hochvirtuosen Hochgeschwindigkeits-Passagen lässt Martinsson keine Möglichkeit der Trompete ungenutzt. Hardenberger wird dem hohen technischen und musikalischen Anspruch des Konzerts in jeder Sekunde gerecht. Vor allem die namensgebenden Brücken, mit denen Hardenberger die Sätze verbindet, sind ein einziger Hörgenuss.

Einen wesentlichen Anteil am Gelingen hat auch das Gewandhausorchester, das sich unter Andris Nelsons’ Leitung (gezwungenermaßen) zum respektablen Klangkörper für Neue Musik mausert. Was Riccardo Chailly dereinst versprochen hat – mehr Ur- und Erstaufführungen zu dirigieren – setzt Nelsons konsequent um. Die Präzision und Virtuosität des Orchesters sind beeindruckend – vor allem in diesem immer noch ungewohnten musikalischen Kontext. Dieses Orchester kann tatsächlich alles. Die positive Reaktion des Publikums auf Martinssons Konzert darf als Ermunterung verstanden werden, diesen Weg weiter zu beschreiten.

Dass das Orchester alles kann, beweist es auch nach der Pause in Gustav Mahlers fünfter Sinfonie. Leider nützen die schönsten Hornsoli im Scherzo und das zarteste Streicher-Schmachten im Adagietto nichts, wenn diese exquisiten Zutaten nicht vom Koch zusammengefügt werden. Ich habe heute das Gefühl, dass Nelsons sehr an der Partitur entlang dirigiert, sich von einem Abschnitt zum anderen bewegt, ohne ein übergeordnetes Konzept zu verfolgen. Nun ist Nelsons ja auch in seinen Bruckner-Aufführungen und -einspielungen eher damit aufgefallen, den Klang auszukosten, als musikalisches Architekturstudium zu betreiben, aber heute hat mich dies erstmals gestört. Zugegeben, eine gewisse Zusammenhanglosigkeit liegt schon in der Partitur begründet; aber müsste man dann nicht gerade alles unternehmen, um das nebeneinander Stehende zu verbinden? Nelsons’ Aufführung der Dritten mit dem Boston Symphony Orchestra hat mir jedenfalls deutlich besser gefallen (https://brahmsianer.de/heiliger-bimbam).

Frank Sindermann

Tipp: Es gibt eine Aufnahme von Martinssons Trompetenkonzert mit Hardenberger beim Label „BIS“, die ich uneingeschränkt empfehlen kann.

27. September 2018, 20 Uhr
Gewandhaus, Großer Saal

Gewandhausorchester
Andris Nelsons, Dirigent
Håkan Hardenberger, Trompete



Heiliger Bimbam!

Das Boston Symphony Orchestra ist zu Gast im Gewandhaus und begeistert mit Mahlers 3. Sinfonie das Leipziger Publikum.

Boston Symphony Orchestra  / Andris Nelsons © Marco Borggreve

Schon vor Beginn des Konzerts ist alles anders. Während das Publikum noch seine Plätze einnimmt, sitzen die Musiker_innen des Boston Symphony Orchestra bereits auf dem Podium und spielen sich ein. Das klingt ein wenig nach Orchestergraben, weckt Vorfreude auf die Musik und wirkt deutlich nahbarer als der weihevolle Einzug europäischer Orchester.

Während das Orchester sich aufwärmt, bereite auch ich mich mental auf Mahlers 3. Sinfonie vor, die gleich beginnen und erst beachtliche 100 Minuten später verklungen sein wird.

Allein der erste Satz dauert über eine halbe Stunde und damit länger als so manche komplette Sinfonie. Andris Nelsons, Gewandhauskapellmeister und zugleich Chefdirigent des Boston Symphony Orchestra (BSO), leitet das heutige Gastspiel des traditionsreichen amerikanischen Ausnahmeorchesters im Rahmen der zweiten Leipziger Boston-Woche und kaum ein anderes Werk des sinfonischen Repertoires wäre geeigneter, die Qualitäten des Orchesters zu präsentieren.

Schon die Eröffnung des Kopfsatzes lässt aufhorchen: Kraftvoll und klanglich bewundernswert homogen spielt das Hornoktett im Unisono jenes an Brahms angelehnte, aber völlig anders wirkende Thema, das Aufbruch verheißt, aber dann – ehe man sich’s versieht – kraftlos verebbt. Nachdem der Satz eben erst begonnen hat, scheint er bereits wieder am Ende zu sein. Fatalistische, kraftlose Schläge der Großen Trommel lassen an den Gang zum Richtplatz aus Mahlers Lied „Der Tamboursg’sell“ denken. Trompetenfanfaren schmettern in die Stille, ohne dass ihr Ruf etwas bewirkt. Es ist eine kalte, unwirtliche Welt, die Welt der unbelebten Materie, die Mahler hier kompositorisch so überzeugend wie verstörend in Tönen ausgedrückt hat, als überdimensionalen Auftakt seiner philosophisch aufgeladenen Sinfonie über Pflanzen, Tiere, Mensch und Gott. Andris Nelsons geht den ersten Satz sehr kontrolliert an und betont eher das Ungewisse, Geheimnisvolle dieser im Entstehen begriffenen Welt, ohne aber die krawalligen Marschpassagen allzu sehr zurückzunehmen. Die exzellente Qualität der Musiker_innen wird sowohl in den zahlreichen Soli dieses und der kommenden Sätze als auch im disziplinierten Zusammenspiel als Orchestertutti immer wieder deutlich. Dies gilt ausnahmslos an allen Pulten. Gelegentliche Ansatzprobleme der Hörner und andere kleinere Ungenauigkeiten lassen sich bei einer Liveaufführung eines derart anspruchsvollen Werks nicht ganz vermeiden; vor ihnen ist auch das Gewandhausorchester nicht gefeit. Auch die Klangbalance ist nicht immer ideal austariert, aber bei einer Sinfonie dieses Umfangs kann man schlicht nicht jeden Takt einzeln erarbeiten und klanglich feinabstimmen.

Nach dem ersten Satz mit seinem beifallheischenden Schlussgetöse fällt es dem begeisterten Publikum schwer, die Hände ruhig zu halten, was auch nur teilweise gelingt. Aber Begeisterung hin oder her: Das ungeschriebene Gesetz des Konzertsaals verlangt, dass man erst nach knapp zwei Stunden aufgestauter Emotionen jubelt. Stattdesen trinken Nelsons und seine Musiker_innen erst einmal einen Schluck Wasser, um sich für die Wegstrecke zu stärken, die noch vor ihnen liegt. Es ist bei weitem nicht die von Mahler verlangte zehnminütige Pause, aber immerhin ein deutliches Innehalten.

Die zweite Abteilung der Sinfonie mit ihren fünf Sätzen bietet mehr Spannendes und Hörenswertes als hier beschrieben werden kann. Der beinahe anachronistisch anmutende zweite Satz („Tempo di Minuetto“) mit seinen wunderbaren Holbläser-Soli, die gebrochene Wunderhorn-Romantik des dritten Satzes mit ihren Tierlauten von Kuckuck bis Esel und betörendem Posthornsolo aus der Ferne – dies alles ist ganz wundervoll musiziert.

Im vierten Satz geht es um den Menschen, verkörpert durch eine Altstimme. Susan Graham findet für den von Mahler ausgewählten Nietzsche-Text genau den richtigen Ausdruck. Mit emotionaler Anteilnahme, aber ohne alle Sentimentalität gestaltet sie den Menschen als fragendes, suchendes und leidendes Geschöpf, das sich gleichwohl stets seiner Würde bewusst bleibt. Das klingt nicht nur warm und edel, sondern überzeugt auch konzeptionell.

Und dann läuten die Glocken, echte und gesungene. Das fröhlich-naive „Bimm bamm“ des Kinderchores gehört zu den eigentümlichsten Einfällen dieser Sinfonie und wirkt zusammen mit dem Engelsgesang des Frauenchores („Es sungen drei Engel einen süßen Gesang“) fast unfreiwillig komisch. Oder war das gar Mahlers Absicht? Der GewandhausKinderchor und die Damen des GewandhausChores absolvieren ihren kurzen Auftritt mit Bravour und müssen sich nicht hinter dem BSO verstecken, das hier aber leider manchmal etwas zu laut spielt und so seinerseits die vokalen Glöckchen und Engelein etwas zu weit in den Hintergrund rückt.

Der ausgedehnte Schlusssatz gehört für mich zu Mahlers beeindruckendsten Schöpfungen. Mit unendlich langem Atem, in sich ruhend, ist man hier beim Zuhören leicht „der Welt abhanden gekommen“ und vergisst völlig, wie lang diese Sinfonie inzwischen schon andauert. Als dann schließlich hymnische Schlussakkorde in strahlendem Dur diese seltsame und beeindruckende, experimentelle und konventionelle, wilde und sanfte, laute und leise, komplexe und naive Sinfonie beenden, kennt der Jubel kein Halten mehr und äußert sich in lang anhaltenden stehenden Ovationen.

Frank Sindermann

8. September 2018, 20 Uhr
Gewandhaus, Großer Saal

Boston Symphony Orchestra
Andris Nelsons, Dirigent
Damen des GewandhausChores
GewandhausKinderchor