Die Schwestern Baiba und Lauma Skride spielen mit Harriet Krijgh Musik von Lili Boulanger und Clara Schumann. Als Gast schaut Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons vorbei.

Clara Wieck 1840 | Gemälde von Johann Heinrich Schramm

Clara Schumanns 200. Geburtstag scheint dem Gewandhaus sehr am Herzen zu liegen. Dies sieht man nicht nur an der Vielzahl ihrer Kompositionen, die dieser Tage in vielen Konzerten erklingen, sondern auch daran, dass Gewandhaus-Kapellmeister Andris Nelsons es sich in der heutigen Sonder-Kammermusik nicht nehmen lässt, den Solistinnen des Abends einen Kurzbesuch abzustatten. Ursprünglich wollte Nelsons, der nicht nur Dirigent, sondern auch studierter Trompeter ist, Paul Hindemiths Sonate für Trompete und Klavier vortragen. Stattdessen – vielleicht fehlte die Probezeit? – bläst er zwei Lieder Clara Schumanns als Lieder ohne Worte auf der Trompete sowie ein thematisch passendes Stück der russischen Komponistin Sofia Gubaidulina. Leider fügt sich der Klang der Trompete trotz sensiblen Spiels nicht besonders gut zu den nachdenklichen, stillen Liedern Clara Schumanns. Auch Andris Nelsons scheint sich nicht so recht wohl in seiner Haut zu fühlen und wirkt ein wenig unsicher. Trotzdem ist es eine schöne Geste, sich am Jubiläumskonzert zu beteiligen, die vom Publikum auch freundlich honoriert wird.

Gerahmt wird Nelsons’ Auftritt durch zwei wunderbare Stücke der jung verstorbenen Lili Boulanger, die wie zwei Seiten einer Medaille komponiert sind: Zwar unterscheiden sich „D’un soir triste“ und „D’un matin de printemps“ ausdrucksmäßig sehr stark, beruhen musikalisch aber auf dem gleichen Gedanken. Dies wird durch das Auseinanderreißen der Stücke leider etwas kaschiert – ich hätte sie jedenfalls lieber direkt hintereinander gehört, was auch den zweimaligen Bühenumbau vermieden hätte. Die Skride-Schwestern an Violine und Klavier sowie die Cellistin Harriet Krijgh sind hervorragend aufeinander eingespielt und arbeiten den unterschiedlichen Stimmungsgehalt der beiden Stücke zwischen stiller Traurigkeit und frühlingshaftem Optimismus überzeugend heraus.

Im zweiten Teil des Konzerts wird zunächst wieder in Zweierbesetzung musiziert. Baiba Skride spielt Clara Schumanns drei Romanzen op. 22 mit viel Herzblut, wobei ihr besonders die „brahmsische“ zweite sehr gut gelingt. Ihre Schwester Lauma begleitet umsichtig, fast zurückhaltend, setzt aber auch eigene Akzente. Das Zusammenspiel mit Harriet Krijgh in Robert Schumanns effektvollen „Adagio und Allegro“ op. 70 gerät nicht immer ganz präzise, auch ist die Intonation der niederländischen Cellistin nicht immer perfekt. Es entsteht ein wenig der Eindruck gekonnten Vom-Blatt-Spiels mit den dabei unvermeidlichen kleinen Unschärfen, die jedoch durch den frischen Eindruck spontanen Musizierens – wie damals im Haus der Schumanns! – mehr als ausgeglichen wird.

Claras Klaviertrio op. 17, sicherlich ihr ambitioniertester Beitrag zur Kammermusik, bildet schließlich den gelungenen Abschluss eines (fast) reinen Frauen-Konzerts, das einigen selten gespielten Werken zu neuer Aufmerksamkeit verholfen und gleichzeitig die freundschaftliche Atmosphäre eines musikalischen Salons im 19. Jahrhundert vermittelt hat.

Frank Sindermann

10. September 2019
Gewandhaus, Mendelssohn-Saal

Baiba Skride, Violine
Harriet Krijgh, Violoncello
Lauma Skride, Klavier
Andris Nelsons, Trompete

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