Thomas Adès dirigiert die europäische Erstaufführung seines Klavierkonzerts und drei weitere Werke, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Salami, Brot und Wein | Mandy Fontana @ pixabay

Auf die Frage, was ihm außer Musik noch wichtig sei, antwortet der britische Pianist, Komponist und Dirigent Thomas Adès im Fragebogen des Programmhefts schlicht: „Salami“. Sein neues Klavierkonzert, das heute seine europäische Erstaufführung erlebt, kann durchaus in diesem Sinne verstanden werden: Die romantische, fast schwelgerische Grundstimmung des Konzerts entspräche dann dem herzhaften Aroma einer Salami, während sich deren feine Würze in den vielen klanglichen Raffinessen des Orchestersatzes wiederfände. Viele musikalische Einflüsse von Ravel bis Gershwin und darüber hinaus verbinden sich im Konzert zu neuer Einheit, wie die Zutaten einer guten Salami zu einem kohärenten Geschmackserlebnis verschmelzen.

Aber Wurst beiseite: Was Adès dem befreundeten Pianisten Kirill Gerstein in die Finger komponiert hat, belebt die Idee des brillanten Virtuosenkonzerts auf zeitgemäße Weise zu neuem Leben. Dass der Komponist dabei auf schwülstige außermusikalische Programmatik verzichtet und die Musik für sich wirken lässt, freut mich als Brahmisaner ganz besonders. Gute Musik hat derlei auch nicht nötig. Der komplexe Kopfsatz, das klanglich überaus reizvolle Andante und das virtuose Finale langweilen keine Sekunde und bedürfen keiner erklärenden Worte. Kirill Gerstein wirft sich mit Leib und Seele in den ihm gewidmeten Klavierpart und überzeugt gleichermaßen mit energiegeladener Virtuosität und feiner Nuancierungskunst. Dass Gerstein in klassischer Musik und Jazz gleichermaßen zu Hause ist, hat Adès selbstverständlich berücksichtigt und den Solopart des Konzerts entsprechend vielseitig ausgestaltet. Dem Publikum gefällt dies offenbar, jedenfalls applaudiert es dem Pianisten, dem hervorragenden Gewandhausorchester und dem Komponisten/Dirigenten ausgiebig. Ob das Konzert sich im Konzertbetrieb halten wird, bleibt abzuwarten. Es zeigt jedenfalls, dass musikalischer Anspruch und Zugänglichkeit durchaus zusammengehen können.

Den Rest des Konzertes erlebe ich als beliebig zusammengestellte bunte Aufschnittplatte schwankender Appetitlichkeit. Während mir Beethovens „Namensfeier“-Ouvertüre trotz engagiertem Spiel des Orchesters etwas fade schmeckt, empfinde ich Liszts martialische „Hunnenschlacht“ als zu fett und geradezu überwürzt. Daran ändern auch der effektvolle Orgeleinsatz und die kompositorische Modernität des Werkes nichts. Dann schon eher Strawinskys Sinfonie in drei Sätzen, die heute eine sehr respektable Aufführung erlebt und musikalisch die Brücke zum Klavierkonzert im ersten Teil des Konzerts schlägt.

Frank Sindermann

25. April 2019
Gewandhaus, Großer Saal

Gewandhausorchester
Thomas Adès, Dirigent
Kirill Gerstein, Klavier

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.