Mit Glut und Klapperstöcken

Im ersten Matinéekonzert der neuen Spielzeit lässt Risto Joost beim MDR die Funken sprühen.

Caspar David Friedrich: Abtei im Eichwald (1809) | gemeinfrei

Mendelssohns „Erste Walpurgisnacht“ ist eher selten zu hören. Dies ist schade, denn die knapp halbstündige Kantate hat alles zu bieten, was auch seine großen Oratorien auszeichnet: spannungsgeladene orchestrale Klangmalereien, wunderbare Chöre und wirkungsvolle Solopartien.

Letztere sind im heutigen Matinéekonzert des MDR sehr respektabel besetzt, wobei Bassbariton Matthias Winckhler einen besonders starken Eindruck hinterlässt. Winckhler verfügt nicht nur über eine tragfähige und flexible Stimme, sonden verleiht auch der Rolle des Priesters die nötige Autorität, wenn dieser beispielsweise das Volk dazu anstachelt, „mit Zacken und mit Gabeln und mit Glut und Klapperstöcken“ die Christen zu vertreiben. Maximilian Schmitt macht als heidnischer Druide eine ebenso gute Figur wie als christlicher Wächter, dessen Schrecken er glaubhaft verkörpert, klingt in der Höhe allerdings etwas eng. Katharina Magieras Einsatz ist sehr kurz, dafür aber sehr berührend gesungen.

Der MDR-Rundfunkchor präsentiert sich so klangschön, flexibel und rhythmisch präzise wie eh und je: Da raunt und wispert es eben noch geheimnisvoll, um kurz darauf entfesselt zu „lärmen“, wie es im Text heißt. Das Orchester gerät im Eifer des Gefechts manchmal klanglich ins Hintertreffen, harmoniert ansonsten aber hervorragend mit dem Chor. Außerdem hat das Orchester ja bereits im ersten Teil des Konzerts einen denkwürdigen Auftritt, in dem Beethovens „Fidelio“-Ouvertüre und vierte Sinfonie auf dem Programm stehen.

Um es gleich vorweg zu sagen: Ästhetisch habe ich eine andere Vorstellung von Beethovens Vierter als Risto Joost, der sie derart dramatisch angeht, dass sie wie eine Vorstudie zur Siebten anmutet. Was mir dabei fehlt, ist der Witz im Haydnschen Geiste, das Augenzwinkern, die Leichtigkeit. Damit kann ich in diesem Fall aber sehr gut leben, denn Joosts Konzept ist so konsequent und überzeugend umgesetzt, dass mir diese Vierte nicht falsch, sondern einfach anders erscheint.

Dass seine linke Hand im Verband steckt, hält Joost nicht davon ab, sich mit vollem Körpereinsatz in die Musik zu werfen. Der Funke springt denn auch von ihm auf das Orchester und von dort direkt aufs Publikum über. Es ist eine Freude, den Musikerinnen und Musikern zuzuschauen und dabei zu sehen, wie motiviert und konzentriert sie bei der Sache sind. Exemplarisch zeigt dies Konzertmeister Andreas Hartmann, der eine fast unbändige Freude am Musizieren sehen und hören lässt.

Hervorragend gespielte Soli an allen Pulten und ein knackiger, transparenter Tuttiklang lassen diesen Beethoven zu einem besonderen Ereignis werden. Derart engagiert und stilsicher gespielt, überzeugt mich auch diese stürmische Vierte von Anfang bis Ende. Mein persönlicher Höhepunkt ist aber trotzdem das wunderbar lyrisch und zurückgenommen gespielte Adagio.

Frank Sindermann

29. September 2019
Gewandhaus, Großer Saal

MDR-Sinfonieorchester
MDR-Rundfunkchor
Katharina Magiera, Mezzosopran
Maximilian Schmitt, Tenor
Matthias Winckhler, Bassbariton
Risto Joost, Dirigent

Herz und Kopf

Der 93-jährige Herbert Blomstedt begeistert im Gewandhaus mit Sinfonien von Haydn und Brahms.

Seltener Gast im Gewandhaus: Joseph Haydn | Bild: gemeinfrei

Ein Konzert mit Herbert Blomstedt ist stets ein besonderes Erlebnis. Dies liegt längst nicht nur am Nimbus, den sein hohes Alter mit sich bringt, an der Bewunderung dafür also, dass ein Mann von 93 Jahren noch Sinfoniekonzerte dirigiert; vielmehr ist es die Ausstrahlung des Menschen Herbert Blomstedt, dem es stets um mehr als die Musik ging. Sein christlich fundierter Humanismus, sein Respekt für die Menschen, mit denen er arbeitet und sein bescheidener Lebensstil, dem alle Selbstdarstellung fremd ist, haben ihn zu einem Dirigenten gemacht, den das Publikum nicht nur bewundert, sondern liebt.

In der Spielzeit 2019/20 wird Herbert Blomstedt im Gewandhaus einen kompletten Zyklus der Brahms-Sinfonien dirigieren, der auch auf Tonträger veröffentlicht werden soll. Den Anfang macht diese Woche Brahms’ erste Sinfonie, die mit Joseph Haydns letzter, der Nummer 104, kombiniert wird. Dies ergibt insofern Sinn, als Brahms selbst große Stücke auf Haydns Musik hielt. Unabhängig davon ist ausdrücklich jede Haydn-Sinfonie zu begrüßen, die sich einmal ins Gewandhaus-Programm verirrt.

Das Gewandhausorchester zeigt jedenfalls eindrucksvoll, dass es diese leicht wirkende und dabei so schwere Musik nicht nur spielen kann, sondern auch sichtlich Spaß daran hat. Dies ist nicht zuletzt Herbert Blomstedt zu verdanken, der zwar mittlerweile im Sitzen dirigiert, dabei aber nichts von seiner ansteckenden Begeisterung eingebüßt hat.

Die Einleitung des Kopfsatzes kommt zwar etwas spannungsarm daher, dafür überzeugt der Allegro-Teil mit Schwung und feiner klanglicher Differenzierung. Ausdrucksmäßige Extreme darf man bei Blomstedt nicht erwarten und würde sie auch vergebens suchen – hier bleibt der Humor hintersinnig, die Freude maßvoll. Zum Höhepunkt der Aufführung wird für mich das lyrische Andante, dessen schlichte Eleganz auch die dramatischeren Einwürfe nicht dauerhaft stören können. Das Menuett geht Blomstedt eher zurückhaltend an, was ihm etwas von dessen rhythmischem Drive nimmt; dafür darf im Finalsatz der Bordun brummen, dass es eine Freude ist, und die Musikerinnen und Musiker des hochmotivierten Gewandhausorchesters dürfen ihrer Spiellaune freien Lauf lassen. So macht Haydn Spaß – mehr davon, bitte!

Brahms wird im Gewandhaus deutlich häufiger gespielt – die letzte Aufführung der c-Moll-Sinfonie liegt noch kein Jahr zurück. Im Grunde genommen wurde dieses Werk hier und anderswo bereits derart häufig aufgeführt und eingespielt, dass ich mich gespannt frage, was Herbert Blomstedt den zahllosen bisherigen Sichtweisen auf dieses Werk heute Abend hinzufügen wird.

In seiner Interpretation zieht Blomstedt die Summe seiner Erfahrung, sie ist das Resultat lebenslanger Studien und Aufführungen. Blomstedts Brahms ist eine Art Durchschnitt der Möglichkeiten, ein Vermeiden jeglicher Extreme oder positiv ausgedrückt: ein goldener Mittelweg. Blomstedt hat in einem Interview angemerkt, Brahms spreche das Gefühl und den Verstand gleichermaßen an, und auch in der heutigen Aufführung kommen beide zu ihrem Recht.

Bereits der Anfang des ersten Satzes mag hierfür als Beispiel dienen. Das Tempo ist recht zügig, doch nicht zu schnell gewählt, die aufsteigenden chromatischen Linien der Streicher sind gut gegen die fallenden Holzbläser-Terzen abgehoben, die monotonen Paukenschläge sind prägnant, aber nicht überpräsent. Blomstedt gibt der Musik die Zeit, die sie braucht, lässt im zweiten Satz die fabelhaften Solistinnen und Solisten des Orchesters ihre Melodien aussingen (Oboe, Klarinette, Fagott!) und bereitet schon im intermezzohaften dritten Satz die Bühne für das große Finale. Hier, in dieser genialen Beethoven-Hommage, greift alles ideal ineinander: das wunderbar aufgeraut, gleichsam alphornhaft gespielte Hornthema, der würdevolle Posaunen-Choral und das in sich ruhende Hauptthema, die stringenten dynamischen Steigerungen und der grandiose Zusammenbruch in Takt 285. Dabei bleibt, wie schon beim Haydn, alles im Rahmen des guten Geschmacks. Umso überraschender wirkt es dann, wenn es doch einmal etwas derber zugeht. Derart eingehämmert wurde mir das siebenfache „G“ der Pauke vor dem finalen „Più allegro“ jedenfalls noch nie.

Die Standing Ovations am Schluss sind an diesem Abend keine Überraschung. Ob sie in erster Linie dem Musiker oder dem Menschen Herbert Blomstedt gelten, ist dabei schwer zu sagen. Jedenfalls ist es ihm und dem Gewandhausorchester offenbar aufs Neue geglückt, dem Publikum jene wahre Freude zu vermitteln, von der die Saalinschrift kündet – verum gaudium für Herz und Kopf.

Frank Sindermann

28. September 2019
Gewandhaus, Großer Saal

Gewandhausorchester
Herbert Blomstedt, Dirigent

200 Jahre Clara Schumann

Im Eröffnungskonzert der Clara-Schumann-Festwochen spielt Lauma Skride deren Klavierkonzert mit Bravour. Zuvor erleben Betsy Jolas’ „Letters from Bachville“ ihre Uraufführung.

Lauma Skride | © Marco Borggreve

Uraufführung im Gewandhaus. Noch bevor ich den Saal betrete, sehe ich sie vor meinem inneren Auge: die zu erwartende übertrieben große Orchesterbesetzung, die zahlreichen, Trommeln, Gongs, Röhrenglocken, Klavier, Celesta etc. Ich trete ein und finde meine Vorahnung bestätigt. Seufzend lese ich das Programmheft mit dem Fragebogen, den in diesem Fall die renommierte französische Komponistin Betsy Jolas ausgefüllt hat. Sie wolle, so schreibt sie, mit ihrer Musik kommunizieren, verbinde mit dem Gewandhausorchester Johann Sebastian Bach und ihr neues Werk werde umherschweifen. So wenig ich mit derartigen Aussagen anfangen kann – in diesem Punkt stimme ich der Komponistin nach dem Hören ihres neuen Werkes zu: Es schweift tatsächlich umher, von hier nach dort, ohne erkennbare Richtung. Da es den Titel „Letters from Bachville“ trägt, erklingen natürlich die Töne B-A-C-H und es werden Melodien des Thomaskantors zitiert, die in diesem atonalen Umfeld ungefähr so passend wirken wie deutsche Sätze in einem finnischen Roman. Zwar weist die Programmheft-Einführung darauf hin, dass „Letters“ ja nicht nur Buchstaben, sondern auch Briefe seien – allein, der punktuelle, aphoristische Charakter der Musik lässt zumindest für mich nichts Kohärentes entstehen, das an einen Brief erinnerte. Andererseits gibt es ja auch kurze Briefe. So schrieb Friedrich der Große an Voltaire den kürzestmöglichen Brief überhaupt: „I“ heißt es darin in denkbar knappem Latein, „Geh!“. Heute Abend also die „Briefe“ B, A, C, und H?

Clara Schumanns Klavierkonzert, das heute im Mittelpunkt des Interesses steht, ist zwar inzwischen gut auf Tonträgern dokumentiert, fristet im Konzertleben aber immer noch ein Schattendasein. Ann-Katrin Zimmermann wirft im Programmheft die interessante Frage auf, ob man dieses Konzert auch dann noch heute spielen würde, wenn es nicht von einer Frau komponiert worden wäre. Auch wenn ich mir ziemlich sicher bin, dass dies nicht der Fall wäre, freue ich mich doch, jenes Werk einmal im Konzert zu erleben, das die sechzehnjährige Clara 1835 im Gewandhaus uraufgeführt hat.

Dies gilt noch mehr, wenn das Konzert derart überzeugend gespielt wird wie am heutigen Abend von Lauma Skride, die nicht nur die hohen technischen Hürden mühelos überspringt, sondern auch der Poesie den nötigen Raum gibt. Das gilt vor allem für das wunderschöne Duett mit dem Solocello im originellen zweiten Satz.

Nach der Pause erklingt Robert Schumanns sogenannte „Frühlingssinfonie“. Das Gewandhausorchester hat sich schon im Klavierkonzert von seiner besten Seite gezeigt, legt aber nun noch eine ganze Schippe drauf, was Klangschönheit, rhythmischen Drive und Spielfreude anbelangt. Dies liegt nicht zuletzt an Andris Nelsons, der trotz Sicherheits-Partitur auf dem Pult seinen Schumann bestens kennt und alles aus dem Orchester herausholt. So spannungsgeladen hört man die Durchführung des ersten Satzes kaum einmal, so fein ausgearbeitet das Larghetto selten, das Scherzo fast nie so tänzerisch und niemals ein derart klanglich aufpoliertes Finale. Dieses Orchester IST Schumann, Punkt.

Frank Sindermann

12. September 2019
Gewandhaus, Großer Saal

Gewandhausorchester
Andris Nelsons, Dirigent
Lauma Skride, Klavier

Unter Freunden

Die Schwestern Baiba und Lauma Skride spielen mit Harriet Krijgh Musik von Lili Boulanger und Clara Schumann. Als Gast schaut Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons vorbei.

Clara Wieck 1840 | Gemälde von Johann Heinrich Schramm

Clara Schumanns 200. Geburtstag scheint dem Gewandhaus sehr am Herzen zu liegen. Dies sieht man nicht nur an der Vielzahl ihrer Kompositionen, die dieser Tage in vielen Konzerten erklingen, sondern auch daran, dass Gewandhaus-Kapellmeister Andris Nelsons es sich in der heutigen Sonder-Kammermusik nicht nehmen lässt, den Solistinnen des Abends einen Kurzbesuch abzustatten. Ursprünglich wollte Nelsons, der nicht nur Dirigent, sondern auch studierter Trompeter ist, Paul Hindemiths Sonate für Trompete und Klavier vortragen. Stattdessen – vielleicht fehlte die Probezeit? – bläst er zwei Lieder Clara Schumanns als Lieder ohne Worte auf der Trompete sowie ein thematisch passendes Stück der russischen Komponistin Sofia Gubaidulina. Leider fügt sich der Klang der Trompete trotz sensiblen Spiels nicht besonders gut zu den nachdenklichen, stillen Liedern Clara Schumanns. Auch Andris Nelsons scheint sich nicht so recht wohl in seiner Haut zu fühlen und wirkt ein wenig unsicher. Trotzdem ist es eine schöne Geste, sich am Jubiläumskonzert zu beteiligen, die vom Publikum auch freundlich honoriert wird.

Gerahmt wird Nelsons’ Auftritt durch zwei wunderbare Stücke der jung verstorbenen Lili Boulanger, die wie zwei Seiten einer Medaille komponiert sind: Zwar unterscheiden sich „D’un soir triste“ und „D’un matin de printemps“ ausdrucksmäßig sehr stark, beruhen musikalisch aber auf dem gleichen Gedanken. Dies wird durch das Auseinanderreißen der Stücke leider etwas kaschiert – ich hätte sie jedenfalls lieber direkt hintereinander gehört, was auch den zweimaligen Bühenumbau vermieden hätte. Die Skride-Schwestern an Violine und Klavier sowie die Cellistin Harriet Krijgh sind hervorragend aufeinander eingespielt und arbeiten den unterschiedlichen Stimmungsgehalt der beiden Stücke zwischen stiller Traurigkeit und frühlingshaftem Optimismus überzeugend heraus.

Im zweiten Teil des Konzerts wird zunächst wieder in Zweierbesetzung musiziert. Baiba Skride spielt Clara Schumanns drei Romanzen op. 22 mit viel Herzblut, wobei ihr besonders die „brahmsische“ zweite sehr gut gelingt. Ihre Schwester Lauma begleitet umsichtig, fast zurückhaltend, setzt aber auch eigene Akzente. Das Zusammenspiel mit Harriet Krijgh in Robert Schumanns effektvollen „Adagio und Allegro“ op. 70 gerät nicht immer ganz präzise, auch ist die Intonation der niederländischen Cellistin nicht immer perfekt. Es entsteht ein wenig der Eindruck gekonnten Vom-Blatt-Spiels mit den dabei unvermeidlichen kleinen Unschärfen, die jedoch durch den frischen Eindruck spontanen Musizierens – wie damals im Haus der Schumanns! – mehr als ausgeglichen wird.

Claras Klaviertrio op. 17, sicherlich ihr ambitioniertester Beitrag zur Kammermusik, bildet schließlich den gelungenen Abschluss eines (fast) reinen Frauen-Konzerts, das einigen selten gespielten Werken zu neuer Aufmerksamkeit verholfen und gleichzeitig die freundschaftliche Atmosphäre eines musikalischen Salons im 19. Jahrhundert vermittelt hat.

Frank Sindermann

10. September 2019
Gewandhaus, Mendelssohn-Saal

Baiba Skride, Violine
Harriet Krijgh, Violoncello
Lauma Skride, Klavier
Andris Nelsons, Trompete

Schlicht und ergreifend

Im ersten Konzert der neuen MDR-Saison erklingen geistliche Werke des jungen Puccini und des alten Verdi in mustergültigen Interpretationen.

Dirigent Domingo Hindoyan | © MDR/Hagen Wolf

Es ist ein spannendes und klug durchdachtes Programm, mit dem der MDR seine neue Konzertsaison beginnt: Vor der Pause erklingt mit Puccinis „Messa di Gloria“ das Werk eines jungen Kirchenmusikers auf dem Weg zur Oper, nach der Pause zeigen Verdis „Quattro pezzi sacri“ einen alten Mann, der die Oper fast hinter sich gelassen hat.

Mit Domingo Hindoyan konnte ein hervorragender Dirigent verpflichtet werden, der die Musik offenkundig wichtiger nimmt als sich selbst und alle Beteiligten zu Höchstleistungen motiviert. Mit eleganten, fließenden Handbewegungen und bewundernswertem Feingefühl führt er Orchester und Chor durch die kontrastreichen Werke und verliert bei aller Detailarbeit doch nie den Spannungsbogen aus den Augen. Vor allem aber wahrt er stets eine ausgezeichnete klangliche Balance innerhalb der Orchestergruppen, aber auch im Zusammenspiel mit dem Chor. Selbst im lautesten Tutti verschwimmt nichts, geht nichts unter, bleibt alles transparent.

Das MDR-Sinfonieorchester zeigt sich heute von seiner allerbesten Seite. Strahlende Blechbläser-Fanfaren, samtig-weiche Streicher, bei denen jedes Pizzicato perfekt sitzt, und ein wunderbar homogen spielendes Horn-Quartett sind nur einige Beispiele für das exzellente Niveau des Orchesters – neben geschmackvollen Holzbläsersoli, präzisen Paukenschlägen etc. Besonders hervorheben möchte ich noch das Vermögen und die Bereitschaft aller Beteiligten, auch einmal WIRKLICH leise zu spielen.

Der MDR-Rundfunkchor lässt weder in den berührenden A-cappella-Sätzen, noch im Zusammenspiel mit dem Orchester irgendwelche Wünsche offen. Technische Perfektion und tiefempfundener Ausdruck verleihen der Musik eine innere Spannung, der sich auch das Publikum nicht entziehen kann. Immer wieder ist es völlig still im Saal, und wenn nicht in Ermangelung einer fallenden Stecknadel hin und wieder Bonbongeknispel zu hören wäre, könnte man fast vergessen, dass Hunderte von Menschen der Musik lauschen.

Auch bei den Solisten gibt es rein gar nichts zu beanstanden: Sung Min Songs schlanker, warmer Tenor verleiht dem „Gratias agimus tibi“ genau jenen Ausdruck schlichter Dankbarkeit, den Text und Musik verlangen; Bassbariton Milan Siljanov überzeugt im „Benedictus“ mit würdevollem Ernst. Auch Chorsolistin Katharina Kunz sorgt in ihrer kurzen, aber wichtigen Solopartie am Schluss noch einmal für einen besonderen Moment.

Der begeisterte Applaus am Ende bestätigt meinen Eindruck: Besser kann eine Saison gar nicht starten!

Frank Sindermann

Hinweis: Am 15. September 2019 wird ab 19.30 Uhr ein Mitschnitt des Konzerts auf MDR Kultur und MDR Klassik gesendet. Anhören!

8. September 2019
Gewandhaus, Großer Saal

MDR-Sinfonieorchester
MDR-Rundfunkchor
Domingo Hindoyan, Dirigent
Sung Min Song, Tenor
Milan Siljanov, Bariton
Katharina Kunz, Sopran

Meer als genug

Andris Nelsons eröffnet die 239. Gewandhaus-Saison mit Mozart, Debussy und Strawinsky.

Katsushika Hokusai: „Die große Welle vor Kanagawa“

Die Pressemappe zur 239. Gewandhaus-Saison wirbt mit dem Slogan „Frischer Wind überall“, was mir doch etwas übertrieben erscheint: Der Bruckner-Zyklus wird fortgesetzt, Herbert Blomstedt dirigiert Brahms, zum Jahreswechsel erklingt Beethovens Neunte, das Stadtteilprojekt geht weiter, es gibt mit HK Gruber einen zweiten Gewandhaus-Komponisten etc. Das ist alles durchaus erfreulich – aber frischer Wind?

Das Programm des Eröffnungskonzerts ist jedenfalls deutlich weniger ambitioniert als vor einem Jahr (https://brahmsianer.de/auftakt-in-ueberlaenge), aber dafür klug zusammengestellt. Gerade die Kombination von Debussys „La Mer“ und Strawinskys „Feuervogel“-Suite überzeugt, zeigt sie doch spannende Parallelen dieser auf den ersten Blick sehr unterschiedlichen Musik auf. Hierzu hätte auch Bartóks 3. Klavierkonzert sehr gut gepasst, das wegen einer Absage des Pianisten András Schiff leider entfällt.

Am Anfang des Konzerts steht nun stattdessen Mozarts Klavierkonzert G-Dur KV 453, das Martin Helmchen sehr klangschön und sensibel spielt. Es ist ein introvertierter, fast melancholischer Mozart, den wir in den ersten beiden Sätzen hören; im abschließenden Variationensatz herrscht dann reine Spielfreude. Das Gewandhausorchester unter Andris Nelsons hält sich über weite Strecken dezent im Hintergrund, setzt aber immer wieder auch eigene Akzente. Aufhorchen lassen vor allem die fabelhaften Holzbläser, die sich allerdings klanglich nicht immer gegen das Klavier durchsetzen können. Alles in allem eine sehr geschmackvolle, stilsichere Aufführung, die Lust auf mehr Mozart im Gewandhaus macht! Als Zugabe spielt Helmchen den langsamen Satz aus der Klaviersonate KV 332 – als intimes Selbstgespräch in vollendeter Klangkultur.

Genau jene Klangkultur vermisse ich nach der Pause in Debussys „La Mer“ hin und wieder. Während der wunderbar zarte, schwebende Beginn noch Anlass zu schönster Hoffnung gibt, wird die filigrane Struktur der Komposition im weiteren Verlauf des ersten Satzes ungeachtet schöner bis schönster Details nicht immer klar genug herausgearbeitet. Vor allem dessen Ende gerät Nelsons im Überschwang der Emotionen allzu effekthascherisch und laut. Weniger wäre hier eindeutig mehr gewesen. †††††††††††

Der zweite Satz ist ein wahres Fest großartiger Soli von Flöte, Oboe, Klarinette, Trompete, Harfen, … und ist klanglich deutlich besser abgemischt. Den dritten Satz präsentiert Nelsons als spannungsgeladenen Kampf der Elemente, dessen rhythmisch vertrackten Schluss er mustergültig realisiert.

Im „Feuervogel“ stimmt dann praktisch alles: Das schwermütige Wiegenlied gelingt ebenso überzeugend wie der wahnsinnige Tanz des bösen Königs, der anmutig schwebende Tanz des Feuervogels ebenso wie das prächtige Finale. Begeisterter Applaus für einen sehr gelungenen Saisonauftakt.

Frank Sindermann

31. August 2019
Gewandhaus, Großer Saal

Gewandhausorchester
Andris Nelsons, Dirigent
Martin Helmchen, Klavier

Keine Frage des Alters

Ausnahmepianist Krystian Zimerman begeistert im Gewandhaus mit Werken des jungen Brahms und Chopin.

Klaviertasten © Johannes Plenio auf Pixabay

Der Auftrittsapplaus ist kaum verebbt, da stürzt Krystian Zimerman sich auch schon mit vollem Körpereinsatz in Johannes Brahms’ 3. Klaviersonate und legt so bereits in den ersten Takten jenes Stürmen und Drängen an den Tag, das seine gesamte Interpretation kennzeichnen wird. Ohne Netz und doppelten Boden, jedes Risiko in Kauf nehmend, greift Zimerman in die Tasten und entführt das Publikum direkt in die bewegte Gefühlswelt des 20jährigen Johannes Brahms. Wo schon der Beginn derart ins Extrem geht, bleibt für die Durchführung nicht mehr viel Luft nach oben; dafür werden die Kontraste zu den gesanglichen Passagen besonders hervorgehoben. Dass es nach den kraftvollen Schlussakkorden des ersten Satzes Zwischenapplaus gibt, nimmt der als eher empfindlich bekannte Pianist gelassen hin.

Im zweiten Satz, dem innigen „Andante espressivo“, entlockt der Pianist seinem eigens mitgebrachten, fast noch unbespielten Flügel Klänge von unvorstellbarer Schönheit und hält für eine Viertelstunde die Zeit an. Es sind intime Momente, in denen man fast vergessen könnte, dass viele hundert Menschen im Saal sitzen. Der erneut einsetzende Zwischenapplaus aus bekannter Saalecke erinnert allerdings wieder daran. Dieses Mal bedankt sich Zimerman sogar dafür.

Im Scherzo ist Zimerman wieder jedes Wagnis recht, um den ungestümen Ausdruck des Satzes überzeugend darzustellen. Dass hierbei nicht jeder Ton technisch perfekt sitzt, nimmt er dabei offenbar bewusst in Kauf. Als der Szenenapplaus dieses Mal überraschend ausbleibt, wendet sich Zimerman mit fragender Geste in die entsprechende Richtung und hat die Lacher auf seiner Seite.

Nach dem bewegend gespielten „Intermezzo“ mit seiner eingetrübten, wie verschleierten Reminiszenz an das gefühlvolle Andante, regiert im Schlusssatz erneut dramatischer Tastendonner. In diesem Satz fehlt mir ein wenig die durchgängige Linie, das Geschehen wird immer wieder unterbrochen – nicht nur durch das etwas störende Umblättern der Noten. Dem ganz und gar beeindruckenden Gesamtbild tut dies allerding keinen Abbruch. Begeisterter Applaus.

Nach der Pause spielt Zimermann alle vier Scherzi seines polnischen Landsmanns Fryderyk Chopin hintereinander – ein unglaublicher Kraftakt! Seine ebenso elegante wie zupackende Interpretation besweist erneut, dass Zimerman völlig zu Recht zu den bedeutendsten Chopin-Interpeten unserer Tage gezählt wird. Dabei empfinde ich in Details durchaus manche Dinge anders: So rauscht Zimermann im h-Moll-Scherzo über die aufsteigenden Fortissimo-Akkorde mit nachfolgender Bass-Figur ab Takt 43 fast flüchtig hinweg, während ich sie eher als eine klar markierte, drastische Zäsur nach dem ersten rasanten Aufschwung sehe (vergleiche hier z. B. Ivo Pogorelichs Einspielung bei der Deutschen Grammophon). Wundervoll hingegen der H-Dur-Mittelteil, in dem Zimerman die zarte Begleitung der linken Hand, die wunderschöne polnische Weihnachtslied-Melodie und die nachschlagenden Töne im Diskant in mustergültiger Weise klanglich differenziert.

Jedes der vier Scherzi wird mit ausgiebigem Applaus bedacht, und nach jedem verlässt Zimerman kurz die Bühne, um sich zu sammeln und vielleicht einen Schluck zu trinken. Denn diese Musik ist Hochleistungssport, physisch und mental. Neben Zimermans Ausdauer beeindruckt vor allem seine Fähigkeit, jedem Scherzo ungeachtet formaler Gemeinsamkeiten einen völlig individuellen Charakter zu verleihen und immer wieder aufs Neue zu überraschen und zu fesseln.

Insgeamt wirkt Zimerman heute Abend sehr gut gelaunt und lässt sich auch nicht lange um Zugaben bitten – viel zu gern möchte er noch seine wiederentdeckte Begeisterung für den jungen Brahms mit dem Leipziger Publikum teilen, wie er selbst verrät. Und während die ersten bedauernswerten Menschen bereits zum Parkhaus hetzen, kommen alle anderen in den Genuss der ersten beiden Balladen aus Brahms’ Opus 10. Damit schließt sich musikalisch der Bogen zum ersten Teil eines Klavierabends, den die Anwesenden so schnell nicht vergessen dürften.

Frank Sindermann

13. Mai 2019
Gewandhaus, Großer Saal

Krystian Zimerman, Klavier

Ohren zu und durch?

Das Leipziger Konzertpublikum hat offenbar ein Problem mit Neuer Musik, auch wenn diese schon über 100 Jahre alt ist; Schumanns Violinkonzert und Brahms’ Vierte haben es da deutlich leichter.

Carolin Widmann © Lennard Rühle

Vielleicht ist die Reihe „Zauber der Musik“ einfach der falsche Rahmen für diese großartige Musik. Anders kann ich mir jedenfalls kaum erklären, mit welcher Ablehnung das Publikum im heutigen MDR-Konzert auf Charles Ives’ „Three Places in New England“ reagiert. Vor mir hält sich ein Herr demonstrativ die Ohren zu, andernorts verlässt jemand fluchtartig den Saal. Dabei ist dieses Schlüsselwerk der amerikanischen Musikgeschichte doch mittlerweile auch schon über 100 Jahre alt! Sicherlich, diese Musik ist nicht ganz einfach zu hören, klingt stellenweise laut bis grell und tritt manche Konvention mit Füßen; gleichzeitig ist sie aber so zart und subtil, so reich an Farben und Motiven, dass man ins Schwärmen geraten könnte – gesetzt den Fall, dass man sich auf diese Art Musik überhaupt einlassen WILL.

Das MDR-Sinfonieorchester unter der Leitung von Markus Poschner bietet jedenfalls keinerlei Anlass zum Davonlaufen – ganz im Gegenteil. Schon der erste der drei Sätze schlägt mich unmittelbar in seinen Bann. Der sphärische Streicherklang der Eröffnungstakte, die nebelhaft verhangene Grundstimmung der Musik, vor allem aber die wunderbar zurückhaltend geblasenen Soli von Horn, Flöte, Oboe und Klarinette üben eine geradezu magische Wirkung aus. Leider verliert sich Dirigent Markus Poschner bisweilen allzu sehr im Klanglichen und verwischt das durchaus vorhandene Grundmetrum zum atmosphärischen Ungefähr. Das zweite Stück gestaltet Poschner als wahres Klanginferno. Dabei behält er stets die Übersicht über das komplexe Geschehen, wenn sich auch die unterschiedlichen musikalischen Ebenen mitunter noch ein wenig mehr gegeneinander verschieben als von Ives vorgesehen. Das Orchester spielt kraftvoll und mit dem hier nötigen Mut zum Hässlichen und zeigt damit – besonders im direkten Vergleich zum ersten Satz – seine stilistische Wandlungsfähigkeit. Der letzte Satz knüpft stimmungsmäßig wieder an den ersten an. Hier gefällt mir vor allem die gleichmäßig aufgebaute Steigerung und Intensivierung des Geschehens. Als die Musik auf ihrem Höhepunkt abrupt abreißt und nach wenigen leisen Takten einfach aufhört, bleibe ich tief bewegt zurück.

Gemäß der heutzutage in Stein gemeißelten Programmfolge „kurzes Stück – Solokonzert – Pause – Sinfonie“ folgt nun das Solokonzert. Carolin Widmann, Geigenprofessorin an der Leipziger Musikhochschule, spielt Robert Schumanns Violinkonzert und beweist eindrucksvoll, dass dieses nach wie vor stiefmütterlich behandelte Werk sein Schattendasein im Konzertbetrieb nicht im Geringsten verdient hat. Dabei betont sie schon im dramatisch bewegten Kopfsatz eher den poetischen Gehalt des Konzerts. Warum sie bereits die Orchesterexposition mitspielt, erschließt sich mir allerdings nicht, läuft sie damit doch sozusagen auf dem Teppich mit, der ihr gerade ausgerollt wird. Herzstück des Konzerts ist für mich der lyrische Mittelsatz, den Widmann sehr gefühlvoll und klanglich differenziert spielt. Das Finale verweigert sich den genretypischen großen Gesten und wird zum Glück auch von Solistin und Dirigent nicht künstlich aufgebauscht. Auch beim von Schumann vorgesehenen gemäßigtem Tempo ist der Satz alles andere als leicht zu spielen, was sich an der einen oder anderen technischen Ungenauigkeit zeigt. Wichtiger ist aber der musikalische Ausdruck und hier gelingt Carolin Widmann eine stimmige Interpretation. Das Orchester erweist sich als verlässlicher Partner, ohne aber starke eigene Akzente zu setzen. Dass Widmann als Zugabe ein Stück des wohl meistunterschätzten Komponisten der Musikgeschichte wählt – Georg Philipp Telemann -, freut mich ganz besonders. Widmann zeigt anhand des Dolce aus der Fantasie TWV 40:20, dass Telemanns Musik viel öfter gespielt werden sollte.

Die nach der Pause gespielte Brahms-Sinfonie überzeugt mich heute am wenigsten. Da ist zunächst das Spiel des Orchesters, das insgesamt deutlich unkonzentrierter und fehleranfälliger als im ersten Teil des Konzerts wirkt. Schwerer wiegt jedoch das Fehlen eines stimmigen Kozepts seitens des Dirigenten, der schon im ersten Satz nicht weiß, ob er ihn elegisch und getragen (Anfang) oder dramatisch (Durchführung, Schluss) angehen soll. Steigerungen werden nur halbherzig aufgebaut, die klangliche Balance gerät oft zu Lasten der Streicher aus dem Gleichgewicht. Und es wird nicht wirklich besser: Der zweite Satz beginnt viel zu statisch, kommt zunächst nicht richtig in Fluss. Der Mittelteil mit seinem wundervollen Querflöten-Solo entschädigt dafür leider nur bedingt. Der dritte Satz klingt eher martialisch als glanzvoll, selbst das Triangel-Geklingel wirkt blechern und stumpf. Im Finale schließlich dirigiert Poschner vor allem die Passacaglia-Abschnitte durch und ignoriert dafür weitgehend den übergreifenden Spannungsbogen. So bildet die Sinfonie den eher enttäuschenden Abschluss für ein verheißungsvoll beginnendes Konzert.

Frank Sindermann

11. Mai 2019
Gewandhaus, Großer Saal

MDR-Sinfonieorchester
Markus Poschner, Dirigent
Carolin Widmann, Violine

Musik und Salami

Thomas Adès dirigiert die europäische Erstaufführung seines Klavierkonzerts und drei weitere Werke, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Salami, Brot und Wein | Mandy Fontana @ pixabay

Auf die Frage, was ihm außer Musik noch wichtig sei, antwortet der britische Pianist, Komponist und Dirigent Thomas Adès im Fragebogen des Programmhefts schlicht: „Salami“. Sein neues Klavierkonzert, das heute seine europäische Erstaufführung erlebt, kann durchaus in diesem Sinne verstanden werden: Die romantische, fast schwelgerische Grundstimmung des Konzerts entspräche dann dem herzhaften Aroma einer Salami, während sich deren feine Würze in den vielen klanglichen Raffinessen des Orchestersatzes wiederfände. Viele musikalische Einflüsse von Ravel bis Gershwin und darüber hinaus verbinden sich im Konzert zu neuer Einheit, wie die Zutaten einer guten Salami zu einem kohärenten Geschmackserlebnis verschmelzen.

Aber Wurst beiseite: Was Adès dem befreundeten Pianisten Kirill Gerstein in die Finger komponiert hat, belebt die Idee des brillanten Virtuosenkonzerts auf zeitgemäße Weise zu neuem Leben. Dass der Komponist dabei auf schwülstige außermusikalische Programmatik verzichtet und die Musik für sich wirken lässt, freut mich als Brahmisaner ganz besonders. Gute Musik hat derlei auch nicht nötig. Der komplexe Kopfsatz, das klanglich überaus reizvolle Andante und das virtuose Finale langweilen keine Sekunde und bedürfen keiner erklärenden Worte. Kirill Gerstein wirft sich mit Leib und Seele in den ihm gewidmeten Klavierpart und überzeugt gleichermaßen mit energiegeladener Virtuosität und feiner Nuancierungskunst. Dass Gerstein in klassischer Musik und Jazz gleichermaßen zu Hause ist, hat Adès selbstverständlich berücksichtigt und den Solopart des Konzerts entsprechend vielseitig ausgestaltet. Dem Publikum gefällt dies offenbar, jedenfalls applaudiert es dem Pianisten, dem hervorragenden Gewandhausorchester und dem Komponisten/Dirigenten ausgiebig. Ob das Konzert sich im Konzertbetrieb halten wird, bleibt abzuwarten. Es zeigt jedenfalls, dass musikalischer Anspruch und Zugänglichkeit durchaus zusammengehen können.

Den Rest des Konzertes erlebe ich als beliebig zusammengestellte bunte Aufschnittplatte schwankender Appetitlichkeit. Während mir Beethovens „Namensfeier“-Ouvertüre trotz engagiertem Spiel des Orchesters etwas fade schmeckt, empfinde ich Liszts martialische „Hunnenschlacht“ als zu fett und geradezu überwürzt. Daran ändern auch der effektvolle Orgeleinsatz und die kompositorische Modernität des Werkes nichts. Dann schon eher Strawinskys Sinfonie in drei Sätzen, die heute eine sehr respektable Aufführung erlebt und musikalisch die Brücke zum Klavierkonzert im ersten Teil des Konzerts schlägt.

Frank Sindermann

25. April 2019
Gewandhaus, Großer Saal

Gewandhausorchester
Thomas Adès, Dirigent
Kirill Gerstein, Klavier

Musikalische Motten

Malte Arkona moderiert ein spaßiges, wenn auch nicht sonderlich originelles Familienkonzert, wobei ihm eine sehr alte Motte behilflich ist.

Malte Arkona © Urban Ruths

Im heutigen Familienkonzert des Gewandhauses steht Beethovens c-Moll-Klavierkonzert auf dem Programm. Malte Arkona moderiert die Veranstaltung in gewohnt launiger Manier und erkundet gemeinsam mit den Kindern die Geheimnisse des Klaviers. Dabei hilft ihm eine Motte, die in einem Koffer seit Beethovens Zeiten überlebt hat und so einiges vom Meister zu berichten weiß.

Pianist Igor Levit und Dirigent Herbert Blomstedt stehen dem scheinbar naiven Moderator geduldig Rede und Antwort und erklären, wie der Klavierton mittels eines Hammers erzeugt wird oder dass die Reaktionen und Geräusche des Publikums entscheidend zur Musik beitragen. Geräusche gibt es trotz der überwiegend jungen Zuhörenden übrigens kaum, und wenn doch einmal, dann eher von Kindern deutlich unterhalb der Altersempfehlung.

Malte Arkonas charmante Art und nette Ideen wie selbstgebastelte Motten am Stab machen den Kindern sichtlich Spaß, können aber nicht ganz darüber hinwegtäuschen, dass es schon originellere Familienkonzerte gab. Das ansprechende Programmheft mit kurzen, weitgehend kindgerechten Infos zu Beethoven enthält auf der letzten Seite fünf Fragen für „Konzertdetektive“, von denen leider im Konzert nur zwei beantwortet werden.

Frank Sindermann

30. März 2019
Gewandhaus, Großer Saal

Gewandhausorchester
Herbert Blomstedt, Dirigent
Igor Levit, Klavier
Malte Arkona, Moderation