Fokus Böhmen: Dvořák

Alan Gilbert und das Gewandhausorchester beschwören eine Hexe und tanzen Furiant; Truls Mørk spielt die Mutter aller Cellokonzerte.

Truls Mørk © Johs Boe

Große Gesten sind seine Sache nicht, weder im Auftreten, noch in der Musik; entsprechend vermeidet Truls Mørk in Dvořáks Cellokonzert emotionale Extreme. Was er dadurch der Dramatik des Konzerts, insbesondere des Kopfsatzes, schuldig bleibt, gleicht er durch sein einfühlsames, klangsinnliches Spiel mehr als aus. Die weit ausschwingenden melodischen Linien lassen staunend erleben, wieviel Musik auf einen einzigen Bogenstrich passt. Minutiös befolgt Mørk auch noch die unscheinbarsten Vorgaben des Komponisten, ohne sich selbst in den Vordergrund zu spielen.

Dies trifft auf das Gewandhausorchester leider nicht in gleichem Maße zu, das vor allem im dynamischen Bereich allzu ungenau spielt und das Cello mehr als einmal fast überdeckt. Auch manche Soli, z. B. der Querflöte, klingen viel lauter als vorgeschrieben und treten teils zu stark hervor. Diese Tendenz zur mangelnden klanglichen Differenzierung ist auch schon bei Konzertbeginn zu erleben. Dirigent Alan Gilbert holt das Maximum an Wirkung aus Dořáks musikalisch gewagter, dabei aber auch arg plakativer „Mittagshexe“ heraus und interpretiert das tschechische Schauermärchen als mitreißenden Psychothriller – allein: Nicht selten gerät im Eifer des Gefechts die Klangbalance aus dem Gleichgewicht. Vielleicht verlange ich zuviel, vielleicht reicht für manche Details auch schlicht die Probenzeit nicht?

Andererseits erweist sich nach der Pause Dvořáks sechste Sinfonie als Musterbeispiel an Orchesterkultur und zeigt, dass es auch deutlich besser geht. Die von Anfang bis Ende spürbare Spielfreude, das musikantische Feuer, das nicht nur im Furiant entfacht wird, gehen hier zum Glück nicht zulasten der musikalischen Feinarbeit, sondern stiften jene Einheit von stimmigem Gesamtbild und klarem Detail, die ich im ersten Konzertteil noch etwas vermisst habe. 

Frank Sindermann

15. November 2018
Gewandhaus, Großer Saal

Gewandhausorchester
Alan Gilbert, Dirigent
Truls Mørk, Violoncello

Musik mit Brahms

Detlev Glanert erzählt von „Marschland und großen Himmeln“; Emmanuel Tjek­­­na­vo­rian begeistert mit Sibelius’ Violinkonzert

Emmanuel Tjeknavorian © Uwe Arens

Dass sich Notbesetzungen als absolute Glücksbesetzungen erweisen können, hat in der letzten Saison bereits Martin Helmchen am Klavier bewiesen. Im heutigen Großen Concert des Gewandhausorchesters übernimmt Emma­nuel Tjek­na­vorian für die erkrankte Janine Jansen den Solopart in Sibelius’ Violinkonzert. Als Preisträger des Jean-Sibelius-Violinwettbewerbs 2015 für die beste Interpretation eben jenes Konzerts bringt Tjek­na­vorian die besten Voraussetzungen mit, den Abend zu retten, und es gelingt ihm bravourös.

Mit schlankem, klarem Ton geht der Wiener Geiger das Konzert an und legt durch seinen Verzicht auf Pathos und aufgesetzte Dramatik die etwas spröde Schönheit des Werkes frei. Es ist ein schlichter, verinnerlichter Zugang, der durch noble Zurückhaltung und Klangschönheit überzeugt.

Das Gewandhausorchester unter Semyon Bych­kov reagiert sensibel auf den Solisten, wobei einzelne rhythmische Ungenauigkeiten im ersten und dritten Satz den Gesamteindruck trüben. Auch könnten die dynamischen Abstufungen präziser umgesetzt werden. Ein ppp quasi niente spielen die Hörner am Ende des zweiten Satzes nicht einmal ansatzweise.

Umrahmt wird das Violinkonzert von Detlev Gla­nerts Komposition „Weites Land“ von 2013 und Antonín Dvořaks Sinfonie Nr. 7 d-Moll op. 70. Gla­nert bezeichnet seine knapp zehnminütige Brahms-Hommage als „Musik mit Brahms“ und nimmt die ersten Takte aus dessen 4. Sinfonie zum Ausgangspunkt einer Reise, die ihn in die gemeinsame norddeutsche Heimat führt. Dabei kann von Weite zunächst keine Rede sein – eher beengt und bedrängt beginnt die Komposition, die erst im Laufe ihres Weges, vorbei an zahllosen Terzen, in offenes Gelände gelangt. Währenddessen hellt sich die Stimmung auf und vom bedeutungsschwangeren Beginn bleibt nur noch eine ironische Geste. Dies ist unbedingt hörenswert und es ist daher sehr erfreulich, dass Semyon Bychkov das Werk nicht nur in Leipzig, sondern auch  dirigert. Besonders freut mich aber, dass Glanert diese wunderbare Musik für ein ganz gewöhnliches Sinfonieorchester à la Brahms komponiert und auf selbstzweckhafte modische Klangeffekte verzichtet hat.

Antonín Dvořaks 7. Sinfonie ist nach wie vor nicht so bekannt wie die beiden nachfolgenden und wird es mangels vieler Ohrwurmmelodien auch wohl niemals sein. Sie ist von tiefem Ernst geprägt und wer sich darauf einlässt, wird getreu dem Gewandhaus-Motto „Res severa verum gaudium“ („Wahre Freude ist eine ernste Sache.“) reich belohnt. Herbert Blom­stedt hat einmal gesagt, dass ihm die siebente die liebste der neun Dvořak-Sinfonien sei, und ich kann das gut nachvollziehen. Das Gewandhausorchester unter Semyon Bychkov präsentiert das dramatische Werk in sehr überzeugender Weise.  Vom ungewohnt scharf gespielten düsteren Kopfsatz über den brahmsisch-elegischen zweiten und den tänzerischen dritten spannt sich ein musikalischer Bogen bis zum dramatisch bewegten Finalsatz, wobei der Ausdrucksgehalt jedes Satzes intensiv, aber immer subtil ausmusiziert wird. Semyon Bychkov, seit dieser Saison Chefdirigent der Tschechischen Philharmonie, leitet das Orchester mit der Souveränität seiner langjährigen Erfahrung und einer stets wachen Aufmerksamkeit für den Moment. Großer Jubel.

Frank Sindermann

Vor dem Konzert haben Orchestervorstand Matthias Schreiber und Gewandhausdirektor Andreas Schulz ein Plädoyer für Dialogbereitschaft und gegenseitigen Respekt verlesen, das implizit auf die jüngsten Ausschreitungen in Chemnitz Bezug nimmt:

6. September 2018, 20 Uhr
Gewandhaus, Großer Saal

Gewandhausorchester Leipzig
Semyon Bychkov, Dirigent
Emmanuel Tjeknavorian, Violine