Vorbei ist vorbei!

Mit Tschaikowskis „Eugen Onegin“ verbinde ich viele besondere Erinnerungen. Als Jugendlicher war dies die erste Oper, die ich live gesehen habe, damals am Oldenburgischen Staatstheater; als Student erlebte ich sie in Peter Konwitschnys legendärer Leipziger Inszenierung; zuletzt sah ich sie 2024 im Londoner Royal Opera House in abstrakt-weißem Gewand. Nun also wieder die Oper Leipzig, in einer Inszenierung von Vasily Barkhatov, wobei es sich um eine Übernahme von der Oper Bonn aus dem Jahr 2024 handelt.

Eugen Onegin, Oper Leipzig | © Kirsten Nijhof

Barkhatov erzählt die berührende Geschichte um verpasste Chancen in stimmungsvollen Bildern und versetzt die Handlung in ein ländliches Szenario à la Tschechow, eine Welt also, in der vom Glanz früherer Tage nur noch geträumt wird. Diese Prämisse zu Beginn als Textprojektion einzublenden, ist allerdings überflüssig.

Schon im Vorspiel lässt das Gewandhausorchester aufhorchen und gibt einen Vorgeschmack auf die folgenden Stunden: filigran, transparent, elegant, dabei nie unterkühlt oder unbeteiligt. Ivan Repušić findet die perfekte Balance zwischen Gefühl und Struktur, Glanz und gedämpften Farben. Dabei steht ihm ein Klangkörper höchster Qualität zur Verfügung, von dessen großartigen Musiker:innen ich heute einmal beispielhaft die Flöten hervorheben möchte (Vorspiel und 1. Szene!).

Der erste Akt überzeugt durch eine differenzierte Sicht auf seine Hauptfigur Eugen Onegin, der hier menschlicher und unsicherer als üblich gezeigt wird. Franz Xaver Schlecht spielt und singt gleichermaßen mitreißend, seine klangschöne und flexible Baritonstimme passt perfekt auf die Rolle, Schlechts Darstellung ist jederzeit auf den Punkt und glaubwürdig. Olena Tokar als Tatjana zeigt eine schauspielerische und sängerische Glanzleistung. Ihre berühmte Briefszene gehört zum Besten, was ich bisher in dieser Rolle erlebt habe, aber auch sonst stimmt einfach alles – brava! Gabrielė Kupšytė als (hier weniger) fröhliche Schwester Olga überzeugt mit Wärme und starker Bühnenpräsenz, Kathrin Göring und Ulrike Schneider als Larina bzw. Filipjewna harmonieren im Eröffnungsquartett perfekt.

Das sehenswerte wie stimmungsvolle Bühnenbild des ersten und zweiten Aktes (Bühne: Zinovy Margolin, Licht: Alexander Sivaev) unterteilt die Welt in einen Bereich häuslichen Lebens und eine belebte Außenwelt; im Hintergrund begrenzt eine schräge Rampe den Bühnenraum, die auf vielfältige Weise eingesetzt wird. Auch wenn für meinen Geschmack etwas zu viel an der Bühne herumgeschoben wird, was für einige Unruhe sorgt, funktioniert die Szenerie insgesamt gut. Olga Shaishmelashvilis stilvolle Kostüme sind dezent gestaltet, tragen aber überzeugend zur Charakterisierung der Protagonist:innen bei.

Den Ball des zweiten Aktes durch eine Outdoor-Szene mit Schlittenfahrt, Schneemann und Schneeballschlacht zu ersetzen, funktioniert nur halb. Etwas mühsam fügen sich die Texte, die sich ausdrücklich auf einen festlichen Ball beziehen, in das aufgesetzte Szenario, und wenn ein Schlitten rasant die Schräge hinabsaust, ist das zwar witzig, aber nur beim ersten Mal. Insgesamt gerät die Szene etwas chaotisch – Peter Konwitschny hat in seiner (ebenfalls legendären) Leipziger „Bohème“ gezeigt, wie man eine turbulente winterliche Massenszene klar und fokussiert gestaltet. Weniger wäre hier szenisch mehr gewesen. So geht das Innenleben der handelnden Charaktere etwas in den Hintergrund. Allein Tatjanas Abscheu über die Scherze des übergriffigen Triquet (boshaft überdreht: Daniel Arnaldos) wird fast überdeutlich. Unter dem hektischen Getümmel leidet auch die musikalische Präzision. Während der erste Akt von beeindruckender Qualität war, zumal in den perfekt synchronen und klanglich ausbalancierten Quartetten, hat nun Ivan Repušić im Orchestergraben manchmal Mühe, das Geschehen zusammenzuhalten. Vor allem Randall Jakobsh in seiner Doppelrolle als Saretzki und Hauptmann singt mitunter in seinem eigenen Takt.

Überzeugend wiederum die Interpretation des Duells als Rauferei mit tödlichem Ausgang: Ebenso wie in der Vorlage der tödliche Schuss fällt, weil die gesellschaftlichen Erwartungen ein Zurückweichen unmöglich machen, ist es hier ein aufgebrachter Mob, der den einstigen Freunden eine Versöhnung versagt. Tomislav Jukic berührt als Dichter Lenski zutiefst; seine beiden kultiviert und klangschön vorgetragenen Arien gehören zu den Höhepunkten des Abends.

Erwähnt werden muss auch der exzellente Chor der Oper Leipzig (Einstudierung: Thomas Eitler de Lint), der in seinen vielen Rollen durch musikalische Präzision und Klangfülle, aber auch schauspielerisch rundum überzeugt. Jacob Paul Romero Kressin absolviert seinen kurzen Auftritt als Vorsänger im 1. Akt mit tadelloser Klarheit und jugendlichem Timbre.

Für den dritten Akt wird die Bühne komplett umgebaut. Wenn Onegin als Reisender auf einem geschäftigen Bahnhof eintrifft und als Außenseiter nicht zum exklusiven Sektempfang des Fürsten vorgelassen wird, ist dies eines der überzeugendsten Bilder des Abends. Yorck Felix Speer hat als Fürst Gremin keinerlei Zweifel an der Liebe – oder zumindest Treue – seiner Frau. Nach seiner berühmten Arie, von Speer mit mehr Kraft als Eleganz vorgetragen, steht er Zigarette rauchend am Bahnsteig und wartet in Seelenruhe, bis Tatjana ihren ehemaligen Bekannten endgültig abserviert hat. Das tut sie in dieser Inszenierung deutlich abgeklärter und härter als üblich, die finale Szene gerät zum regelrechten Schlagabtausch. Leider hat Franz Xaver Schlecht im dritten Akt mit stimmlichen Problemen in der hohen Lage zu kämpfen, sodass er nach einem missglückten Spitzenton manche Töne vorsichtshalber gar nicht mehr singt und seinen verzweifelten Ausruf am Schluss nur mit Mühe über die Ziellinie bringt. Dies ist schade, kann aber immer passieren. Den inneren Loriot, der mir zuraunt „So etwas kann passieren, so etwas darf aber nicht passieren“, ignoriere ich angesichts der ansonsten mehr als überzeugenden Leistung ganz einfach.

Am Ende bleibt eine sehenswerte Inszenierung, die durch eine originelle Sicht auf die Charaktere überzeugt, aber insgesamt nichts grundsätzlich Neues bietet. Das musikalische Niveau ist exzellent – Grund genug, diese Produktion nicht zu verpassen.

Hinweis: Die Besprechung bezieht sich nicht auf die Premiere, sondern auf die 2. Aufführung am 16.10.2026.

Frank Sindermann

Inszenierung
Musik
Gesamtwertung