Musikalische Zauberei

Louis Langrée dirigiert Werke von Dukas, Jongen und Franck. Sie kennen Joseph Jongen noch nicht? Dann wird es höchste Zeit!

Louis Langrée © Benoit Linero

Joseph Jongens „Symphonie concertante“ für Orgel und Orchester ist für mich persönlich die Neuentdeckung des Jahres. Originell, abwechslungsreich und stilistisch vielgestaltig zeigt sich jenes Werk, das der Belgier Jongen in den Jahren 1926/27 ursprünglich für eine riesige Kaufhausorgel in Philadelphia komponierte. Die enorme Virtuosität des Orgelparts ist vor diesem Hintergrund durchaus verständlich, ging es doch darum, die erweiterte Orgel möglichst effektvoll in Szene zu setzen. Dass Jongen damit den kompositorischen Anspruch trotzdem nicht über Bord geworfen hat, zeigt sich schon in den streng fugierten Eröffnungstakten. Auch darf die Orgel zwar immer wieder solistisch brillieren, wird aber meistens in den Orchestersatz integriert.

Gewandhausorganist Michael Schönheit erweist sich als wahrer Tasten- und Pedalzauberer, der nicht nur die technischen Herausforderungen souverän meistert (in manchen Fällen allerdings auch souverän umschifft), sondern vor allem die musikalischen Verläufe plausibel gestaltet. Dabei wird er dem feierlichen Ernst des ersten Satzes ebenso gerecht wie der vertrackten Rhythmik und Metrik des zweiten oder dem zarten Klangaquarell des dritten. In rasanten Perpetuum mobile der abschließenden Toccata zündet Michael Schönheit dann schließlich ein wahres Feuerwerk der Virtuosität, das einfach nur Spaß macht. Bravo!

Dass auch das Gewandhausorchester heute Abend in Topform ist, hat es bereits in Dukas‘ unverwüstlichem „Zauberlehrling“ bewiesen, der wohl auch dafür gesorgt haben dürfte, dass im Saal nicht noch mehr Sitze frei geblieben sind. Unter der zurückhaltenden, äußerlich eher unspektakulären Leitung des Gastdirigenten Louis Langrée bleibt das Orchester dem Klassik-Evergreen nichts schuldig und verzaubert mit großem Spielwitz und wunderbar getimten Einsätzen. Besonders gut gefällt mir heute jene Stelle, an der Kontrafagott und Bassklarinette kauzig schnarrend die Besen wieder auferstehen lassen. Auch die geheimnisvoll magische Atmosphäre des Beginns ist wunderbar getroffen.

Als drittes Werk steht heute César Francks D-Moll-Sinfonie auf dem Pogramm. Dass Louis Langrée dieses komplexe Werk auswendig dirigiert, zeigt seine Vertrautheit mit dieser Musik; davon wiederum profitiert die Aufführung ungemein. Selten habe ich den Kopfsatz zugleich so melodisch fließend und klanglich differenziert gehört; leider sind manche dynamischen Steigerungen etwas unausgewogen und erreichen ihren jeweiligen Höhepunkt zu früh, was das eigentliche Ziel der Entwicklung etwas seiner Wirkung beraubt. Der überaus kunstvoll angelegte Mittelsatz mit seinem berührenden Englischhorn-Solo lässt keinerlei Wünsche offen. Im festlichen Finalsatz gehen Klangzauber und musikalische Logik eine perfekte Symbiose ein und bilden so den gelungenen Abschluss eines in jeder Hinsicht bereichernden Konzerts. Eines frage ich mich jedoch am Ende: Kann man von Chromatik träumen? Ich werde es herausfinden.

Frank Sindermann

7. März 2019
Gewandhaus, Großer Saal

Gewandhausorchester
Louis Langrée, Dirigent
Michael Schönheit, Orgel

Herbstliches Leuchten

Das Gewandhausorchester unter Vasily Petrenko weckt Tschaikowskis Streicherserenade aus dem viel zu langen Dornröschenschlaf und spielt Prokofjews wundervolle letzte Sinfonie.

Herbstlicher Wald © pixabay

Warum Tschaikowskis wunderbare Streicherserenade seit über 25 Jahren nicht mehr auf dem Programm des Gewandhausorchesters stand, ist kaum zu erklären. Die heutige Aufführung unter dem ersatzweise eingesprungenen Vasily Petrenko zeigt jedenfalls, dass es höchste Zeit war, sie aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken.

Petrenkos Lesart der Serenade gefällt mir ausgesprochen gut. Deren emotionale Vielschichtigkeit, ihr ständiges Changieren zwischen Walzerseligkeit und Gefühlsausbruch, zwischen fröhlichem Überschwang und tiefer Melancholie, arbeitet er deutlich – aber niemals überdeutlich – heraus und hält die Musik dabei stets im Fluss. Die Gewandhaus-Streicher verschmelzen nach anfänglicher Findungsphase zu einem gemeinsamen Körper, dessen Glieder wie selbstverständlich miteinander harmonieren und aufeinander reagieren. Besonders beeindruckend das unbeschreiblich zarte Ansetzen des dritten Satzes und wie dieser zum Schluss in himmlischem Flageolett verklingt.

Nach der Pause füllt sich das Podium merklich. Auf dem Programm steht Anatoli Ljadows reich orchestrierte sinfonische Dichtung „Kikimora“, die das zugrunde liegende Märchen ansprechend und effektsicher in Musik verwandelt. Das Orchester besticht durch Präzision und Spielfreude und hat nach dem kuriosen Piccolo-Schluss so manchen Lacher des Publikums auf seiner Seite.

Und dann folgt eines jener Ereignisse, die man so schnell nicht mehr vergisst. Prokofjews siebente und letzte Sinfonie ist in ihrer stimmungsmäßigen Ambivalenz Tschaikowskis Streicherserenade gar nicht mal so unähnlich, wenngleich die musikalischen Mittel natürlich andere sind. Die heutige Aufführung der Sinfonie stellt alle Aufnahmen, mit denen ich mich im Vorfeld des Konzerts beschäftigt habe, mühelos in den Schatten. Manche Version auf Tonträger disqualifiziert sich allein schon durch die Einspielung des vom Komponisten selbst verworfenen alternativen Krawall-Endes, manche wiederum langweilen durch ihre Harmlosigkeit oder sind einfach nicht besonders gut gespielt. Heute Abend hingegen passt einfach alles: Vom überraschend lauten, aber durchaus partiturkonformen, Eröffnungs-Cis in Harfe und Klavier bis zum letzten Pizzicato-Cis der Streicher ereignen sich Wunder über Wunder; genannt seien hier stellvertretend die gefühlvollen Bläsersoli, die präzisen Akzente des Schlagwerks, die brillanten Harfenglissandi, der punktgenaue Schluss des Allegrettos und die „nachdenklichen“ (pensieroso) Trompetenrufe im letzten Satz. Vor allem aber: Welch eine tiefe Ruhe und Abgeklärtheit strahlt Petrenkos Interpretation aus! Ohne die durchaus vorhandenen Ecken und Kanten der als eher harmlos geltenden Sinfonie zu glätten, zeigt er vor allem ihre zeitlose Schönheit und lässt sie herbstlich leuchten. Am Schluss ist das Publikum sichtlich bewegt.

Frank Sindermann

21. Februar 2019
Gewandhaus, Großer Saal

Gewandhausorchester
Vasily Petrenko, Dirigent

Bilder und Rahmen

Bertrand Chamayou entzündet ein virtuoses Feuerwerk, das Gewandhausorchester lädt unter Krzysztof Urbański zum Galerierundgang.

Bertrand Chamayou © Marco Borggreve

Wenn man mit Franz Liszts Klaviermusik eines verbindet, dann wohl überbordende, vielleicht auch übertriebene Virtuosität. Während dieses technische Zauberwerk in einigen Werken gezielt in den Dienst musikalischer oder philosophischer Ideen gestellt wird – wie in der h-Moll-Sonate oder den „Années de pèlerinage“ – wirkt es in vielen von Liszts Virtuosenstücken durchaus selbstzweckhaft und eher oberflächlich.

Der Pianist Bertrand Chamayou zeigt im berühmten „Totentanz“ und der „Fantasie über ungarische Volksmelodien“ beide Facetten auf. Da gibt es die donnernden Oktavpassagen, Glissandi und andere billige (aber höllisch schwere!) Showeffekte, da gibt es aber noch viel mehr. Chamayous subtile Gestaltungskunst zeigt sich vor allem in den unscheinbaren, eher zurückgenommenen Stellen, die er als magische Klangfarben-Studien zelebriert. Hier wird Liszt als jener Innovator erkennbar, der dem Klavier ein größeres Spektrum an klanglichen Möglichkeiten eröffnet hat als irgendjemand vor ihm.

Das Orchester spielt bei Liszt gegenüber dem Klavier leider oft nur eine kleine Nebenrolle. Auch Ann-Katrin Zimmermann schreibt in ihrem Programmheftbeitrag zum Finale der „Fantasie über ungarische Volksmelodien“, das Orchester habe man „schon mit staatstragenderen Rollen vernommen“. Immerhin: Das Gewandhausorchester unter der Leitung von Krzysztof Urbański spielt seinen etwas undankbaren Part durchaus selbstbewusst und lässt immer wieder mit schönen Soli aufhorchen. Ansonsten rahmt es den Pianisten geschmackvoll ein.

Um Rahmen geht es auch nach der Pause, genauer: um gerahmte Bilder. Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ werden heute deutlich öfter in Ravels Orchesterfassung gespielt als in der originalen Version für Klavier, was sehr bedauerlich ist. Dennoch liegt die letzte Aufführung durch das Gewandhausorchester nun auch bereits gut zehn Jahre zurück. Kritiker der Orchesterfassung bemängeln vor allem die vornehme Eleganz, die Ravel dem eher rauen Klavierzyklus verliehen hat. Ich bin dazu übergegangen, die Klavier- und die Orchesterfassung einfach als völlig unabhängige Werke zu begreifen, die beide auf ihre je eigene Weise großartige Musik sind.

Krzysztof Urbańskis elegantes, nicht ganz uneitles Dirigat zeugt von einer genauen Kenntnis des Werkes und seiner Feinheiten. Interpretatorisch scheint ihm weniger an emotionalen und klanglichen Extremen zu liegen, als an einem homogenen Gesamteindruck dieses virtuellen Galerierundgangs. Überraschungen sind dabei nicht zu erwarten und bleiben auch weitestgehend aus. Dass dadurch in manchen Bildern eher deren goldener Rahmen auf Hochglanz poliert wird, ist bedauerlich; andererseits erfreut der Verzicht auf übertriebenes Pathos. Das Orchester ist heute durchweg in Bestform: Das Saxophon taucht das alte Schloss in geheimnisvolle, leicht wehmütige Stimmung, die gestopfte Trompete verleiht dem armen Schmuyle auf berührende Weise musikalisch Gestalt und die Tuilerien werden zum wahren Holzbläser-Fest. Mit dröhnenden Glockenklängen von den Emporen endet eine klangschöne Aufführung ohne nennenswerte Ecken und Kanten.

Frank Sindermann

15. Februar 2019
Gewandhaus, Großer Saal

Gewandhausorchester
Krzysztof Urbański, Dirigent
Bertrand Chamayou, Klavier

Wenn Worte nicht ausreichen

Michael Sanderling dirigiert mit Schostakowitsch’ Sinfonie-Kantate „Babi Jar“ ein musikalisches Mahnmahl gegen das Vergessen.

Shalom Goldberg: Babi Jar; Lizenz: Public Domain

Schostakowitsch’ Sinfonie „Babi Jar“ macht es niemandem leicht; nicht dem Orchester, nicht dem Männerchor und ebensowenig dem Solo-Bass – vom Publikum ganz zu schweigen. Neben dem hohen musikalischen Anspruch liegt dies vor allem am emotional aufwühlenden Thema dieser sinfonischen Kantate, die ein Massaker an Zehntausenden Juden im Jahr 1941 durch die SS in eindringlichen Bildern heraufbeschwört. Angesichts sowjetischer Verdrängungspolitik sah sich Schostakowitsch genötigt, jenes Grauen Klang werden zu lassen, für das es kaum Worte gibt.

Ich zolle allen Beteiligten des heutigen Konzerts meinen höchsten Respekt: dem warm timbrierten Bass Peter Nagy, dessen starke Präsenz immer wieder für Momente großer Intensität sorgt; den Herren des MDR-Chores samt Verstärkung, die den Unisono-Marathon intonationssicher und präzise meistern; dem Gewandhausorchester, das ich zu den führenden Schostakowitsch-Orchestern überhaupt zähle, und dem Dirigenten, der bei aller Komplexität und durch alle emotionalen Wechselbäder hindurch stets die Fäden in der Hand hält. Eine wirklich beeindruckende Aufführung, getragen vom unbedingten Einsatz aller Mitwirkenden.

Gleichwohl lässt mich die Sinfonie eher befremdet als berührt zurück. Dieses ungefilterte musikalische Nachzeichnen der Textvorlagen, das zudem noch für das falsche Abwiegen betrügerischer Ladenbesitzer vergleichbar drastische Ausdrucksmittel in Anschlag bringt wie für den organisierten Massenmord, wirkt auf mich stellenweise recht banal und derart auf emotionale Wirkung berechnet, dass man fast von negativem Kitsch sprechen könnte. Manchmal ist eine Schweigeminute vielleicht wirkungsvoller als alle Versuche, den Schrecken musikalisch zu illustrieren. Dies ändert freilich nichts daran, dass Schostakowitsch damals viel riskiert hat, um die problematische Vergangenheitsbewältigung seiner Zeit anzuprangern, und damit ein wichtiges politisches Zeichen gesetzt hat. Die Sinfonie ist in jedem Fall, wie immer man sie ästhetisch bewerten mag, ein bewegendes musikalisches Zeitdokument.

Das Mozart-Konzert vor der Pause passt nicht nur überhaupt nicht zur Schostakowitsch-Sinfonie, sondern ist vom Orchester derart uninspiriert und ungenau gespielt, dass ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, die intensive Vorbereitung auf „Babi Jar“ habe am Ende vielleicht nicht mehr genug Probenzeit für den Mozart übriggelassen. Dies ist umso bedauerlicher, als Martin Helmchen ein hervorragender Mozart-Interpret ist, dessen Darbietung durchweg überzeugt. Sein glasklarer Anschlag, das perlende Passagenspiel, die kluge Phrasierung und die gestalterische Fantasie sind der Stoff, aus dem Träume gemacht werden. Leider ist das Orchester nicht so gut in Form wie der Pianist bzw. nicht hundertprozentig bei der Sache. Wirft hier Schostakowitsch bereits seinen Schatten voraus? Vielleicht rächt sich aber auch nur das allgemeine Haydn- und Mozart-Defizit des Orchesters, dessen sinfonisches Kernrepertoire zur Zeit erst mit Beethoven zu beginnen scheint?

Frank Sindermann

7. Februar 2019
Gewandhaus, Großer Saal

Gewandhausorchester
Michael Sanderling, Dirigent
Martin Helmchen, Klavier
Herren des MDR-Rundfunkchores und Gäste
Michael Nagy, Bass

Meeresstille und glückliche Fahrt

Das Gewandhausorchester spielt Schumann zum Niederknien, Hélène Grimaud enttäuscht auf ganzer Linie.

Meeresstille (pixabay-Lizenz)

Entweder hat Hélène Grimaud ihren pianistischen Zenit bereits überschritten oder sie ist heute Abend einfach nicht gut in Form – einen anderen Schluss lässt ihre bestenfalls mittelmäßige Interpretation des Schumann-Klavierkonzerts eigentlich nicht zu. Schon die technische Bewältigung enttäuscht, mehr als einmal spielt die Pianistin schlicht falsche Töne, wirkt ihr Passagenspiel eher bemüht als gekonnt. Von natürlichem Fluss oder gar Brillanz keine Spur. Alles klingt stumpf, der Anschlag uneinheitlich bis beliebig, allzu viel versinkt mulmig im Pedal. Dazu schwankt Grimaud stellenweise derart im Tempo, dass Andris Nelsons mit dem Gewandhausorchester nur mühsam nachziehen kann. Mitunter misslingt dies auch, z. B. im Finale des ersten Satzes, wo Klavier und Orchester metrisch eigene Wege gehen. Der zweite Satz gelingt etwas besser, aber auch hier wirkt vieles belanglos, bleibt die Poesie auf der Strecke. Der Schlusssatz läuft zumindest glatt, wenn auch uninspiriert durch. Aus pianistischer Sicht ist dies insgesamt die schlechteste Aufführung des Konzerts, die ich je gehört habe, was umso bedauerlicher ist, als das Gewandhausorchester Grimaud einen mustergültigen Orchesterpart zu Füßen legt, ihr also gleichsam den roten Teppich aurollt. Vielleicht geht es der Pianistin heute tatsächlich nicht gut, was auch erklären würde, dass sie sich trotz erheblichem Applaus nicht zu einer Zugabe überreden lässt.

So enttäuschend das Schumann-Konzert, so begeisternd die beiden anderen Werke des Abends. Mendelssohns Konzertouvertüre „Meeresstille und glückliche Fahrt“ erfreut vom zurückhaltend-geheimnisvollen Anfang bis zum energiegeladenen Ende. Die Zweiteilung in Meeresstille und glückliche Fahrt wird mustergültig herausgearbeitet, die individuellen Leistungen der Gewandhaus-Musiker_innen sind nahezu makellos, unter ihnen vor allem jener erste Windhauch der Soloflöte, der die Meeresstille beendet, und die strahlenden Trompeten, welche die glückliche Fahrt feiern.

Und dann erst die „Rheinische“ – wie sehr wünschte ich mir, statt der eher anständigen als beeindruckenden Bruckner-Deutungen würden die Mendelssohn- und Schumann-Sinfonien auf CD veröffentlicht! Die heutige Aufführung der dritten Schumann-Sinfonie kann man nicht anders als maßstabsetzend nennen. Der kraftvolle Optimismus des Kopfsatzes, die Eleganz des zweiten, der sakrale Ernst des vierten – hier bleiben nirgends Wünsche offen. Ein Orchester in Höchstform und ein bis in die Zehenspitzen motivierter Dirigent bescheren dem Publikum ein musikalisches Großereignis, das ich nicht so bald vergessen werde. Besonders erfreulich ist dieser gelungene Abschluss des Konzertabends nach dem verunglückten Klavierkonzert im ersten Teil, nach dessen Untiefen das Gewandhaus seine glückliche Fahrt vom Konzertbeginn fast noch glücklicher – und beglückender – fortsetzt.

Frank Sindermann

17. Januar 2019
Gewandhaus, Großer Saal

Gewandhausorchester
Andris Nelsons, Dirigent
Hélène Grimaud, Klavier

Erben-Gemeinschaft

Frank-Michael Erben feiert 25-jähriges Jubiläum als Primarius des Gewandhaus-Quartetts; das Publikum feiert mit.

Gewandhaus-Quartett © Jens Gerber

Das Streichquartett ist wohl der Inbegriff gleichberechtigten Musizierens. Dennoch sind im heutigen Kammerkonzert die Ohren und Augen vor allem auf Primarius Frank-Michael Erben gerichtet, der in diesem Jahr sein 25-jähriges Jubiläum in jener Funktion feiert. Dass zu dieser Aufgabe neben dem Musizieren auch ein erheblicher Organisationsaufwand gehört, betont Gewandhausdirektor Andreas Schulz in seiner augenzwinkernden Laudatio. Diese Vorgänge hinter den Kulissen bleiben dem Publikum in der Regel verborgen; die hohe musikalische Qualität des Gewandhaus-Quartetts lässt sich hingegen seit vielen Jahren in Konzerten und auf Tonträgern erleben.

So auch heute. Haydns sogenanntes „Kaiserquartett“ erfährt eine frische und elegante Interpretation, die Extreme meidet und damit im besten Sinne klassisch daherkommt. Schon im ersten Satz verzichten die Musiker_innen des Gewandhausquartetts auf billige folkloristische Effekte und überzeugen stattdessen durch Klangschönheit und Ausgewogenheit, ohne dabei die Widerhaken der Musik zu ignorieren. Der Variationensatz erfreut durch edlen Glanz; gleichwohl könnte das Thema stellenweise noch etwas klarer heraustreten; Im dritten Satz beeindruckt das feine Pianospiel, während der vierte vor allem durch seine fast greifbare Spielfreude besticht.

Mit Robert Schumanns 3. Streichquartett betreten wir ausdrucksmäßig ein völlig anderes Gebiet. Die Musiker_innen um Frank-Michael Erben zeigen sich nun von ihrer leidenschaftlichen Seite, vor allem in der dramatisch synkopierten letzten Variation des 2. Satzes. Der langsame Satz, für mich eine der schönsten und berührendsten Schöpfungen des Komponisten, wird zum Höhepunkt dieses an Ohrwurmmelodien armen, musikalisch aber umso reicheren Quartetts, wenn auch gelegentliche Intonationsprobleme die Dissonanzen noch ein wenig verschärfen. Im Finalsatz überzeugt vor allem die deutliche Herausarbeitung der Kontraste. Licht und Schatten liegen in diesem Satz musikalisch dicht beeinander und werden vom Gewandhausquartett klar getrennt.

Nach der Pause steht Schuberts Streichquintett auf dem Programm. Der als Gast hinzukommende Cellist Andreas Timm fügt sich hervorragend ins Ensemble ein, setzt aber auch eigene Akzente. Erben hat dieses Werk aufgrund der besonderen biografischen Bedeutung für seinen Werdegang als Musiker gewählt und man merkt ihm die hohe Wertschätzung dieser Musik an. Die scheinbar endlos sich erstreckenden Melodielinien des ersten Satzes, das Erlöschen des bewegenden zweiten, der schroffe, zwischen Tanz und Taumeln schwankende dritte, der abwechslungsreiche und farbige vierte Satz: Sie alle werden heute Abend zum Erlebnis. Das Publikum ist begeistert und beklatscht das Ensemble, vor allem aber den sichtlich gerührten heutigen Jubilar, ausgiebig und herzlich.

Frank Sindermann

13. Januar 2019
Gewandhaus, Mendelssohn-Saal

Gewandhaus-Quartett
Andreas Timm, Violoncello

Manueller Fokus

Andris Nelsons überzeugt im Gewandhaus mit einer sehr persönlichen Sicht auf Mendelssohn und Schumann.

Schärfentiefe (CC0, pixabay)

Die Gewandhauskonzerte dieser und der nächsten Woche sind Teil des Saisonschwerpunkts „Fokus: Mendelssohn & Schumann“, was an sich so notwendig ist wie Bach-Wochen beim Thomanerchor oder ein Wagner-Special in Bayreuth – hat doch das Gewandhausorchester Mendelssohn und Schumann ohnehin permanent im Autofokus. Auch die beiden Sinfonien des heutigen Konzerts wurden beide bereits in der vergangenen Saison gespielt, harren also auch nicht gerade ungeduldig der heutigen Aufführung.

Zum Glück deaktiviert Andris Nelsons zumindest musikalisch den Autofokus und zeigt seinen ganz eigenen Blick auf dieses Leipziger Standardrepertoire, präsentiert also das gängige Schnappschuss-Motiv gleichsam aus neuer Perspektive und mit einem manuellen Fokus, der andere Details scharfstellt als üblich.

Dies kommt vor allem Schumanns 2. Sinfonie zugute, deren große emotionale Tiefe Nelsons vor allem im ergreifenden langsamen Satz (Adagio espressivo) mit großem Ernst auslotet. Vom unsagbar zarten Anheben der Musik über die verhangenen Kontrapunkt-Abschnitte bis zum verklingenden Schluss entfaltet sich ein weite Klanglandschaft, deren Details Nelsons mit hoher Schärfentiefe belichtet.

Die Stimmung des Adagios färbt auch auf die übrigen Sätze ab, was den Kopfsatz geheimnisvoll, stellenweise fast düster wirken lässt. Erst gegen Ende weicht die Zurückhaltung emphatischer Freude. Das Scherzo kommt kontrastreich und spannend daher, die Streicher spielen ihre rasanten Figuren klar und präzise.

Der Finalsatz fällt gegen die grandiosen ersten drei leider etwas ab. Neben einigen spieltechnischen Ungenauigkeiten liegt dies vor allem an einer gewissen interpretatorischen Unentschlossenheit, die den Schlussjubel zwar zulässt, ihn aber nicht konsequent genug ausspielt. Man vergleiche z. B. Michael Gielen mit dem SWR-Orchester, der es am Schluss in Rekordtempo krachen lässt, oder Christoph von Dohnány mit dem Cleveland Orchestra, bei dem die letzten Paukentöne wie Hammerschläge des Schicksals zelebriert werden. Man muss diesen Lesarten nicht zustimmen, kann sie übertrieben oder pathetisch finden, aber sie sind prägnant und eindeutig, während das Finale heute etwas im Ungefähren verschwimmt.

Von Mendelssohn steht neben der schön gespielten, als Stück aber eher unspannenden „Ruy Blas“-Ouvertüre seine „Italienische“ Sinfonie auf dem Programm. Andris Nelsons lebt den freudigen Überschwang des eröffnenden Allegros körperlich aus und überträgt seine Begeisterung mühelos auf das Gewandhausorchester, das in jeder Hinsicht, vor allem aber in Holzbläser-Hinsicht, vollauf begeistert. So klingt es, wenn Energie zu Musik wird, wenn Begeisterung auf technisches Können trifft, wenn einzelne Instrumente in idealer Weise zu einem Klangkörper verschmelzen.

Das hohe musikalische Niveau wird in diesem Fall über alle vier Sätze gehalten. Die würdevolle Prozession des „Andante con moto“, das elegante Menuett, das wirbelnde Tanz-Finale: Ihnen allen verleiht Nelsons ihren ganz spezifischen Charakter – deutlich, aber ohne Übertreibung.

Angesichts der herausragenden Qualität der heutigen Aufführungen gerät die Frage nach Sinn oder Unsinn eines Mendelssohn- und Schumann-Schwerpunkts im Gewandhaus am Ende doch wieder in den Hintergrund. In diesem Sinne freue ich mich schon auf den nächsten Fokus. Mein Tipp: Beethoven.

Frank Sindermann

10. Januar 2019
Gewandhaus, Großer Saal

Gewandhausorchester
Andris Nelsons, Dirigent

Schöne Aussichten?

Andris Nelsons und das Gewandhausorchester besteigen einen mächtigen sinfonischen Berg, geraten dabei aber leider manchmal ins Straucheln.

Matterhorn (pixabay, CC0)

In einer Konzerteinführung für die Berliner Philharmoniker hat Herbert Blomstedt Bruckners 6. Sinfonie einmal mit einem gewaltigen Berg verglichen. Es sei zwar etwas anstrengend, diesen zu ersteigen, dafür werde die Mühe aber mit herrlichen Aussichten belohnt. Und er bringt noch ein weiteres Bild ins Spiel: Die vergleichsweise lange Spieldauer der Brucknerschen Sinfonien ergebe sich daraus, dass große Gedanken einfach Zeit brauchten – Bruckners Sechste sei eben eine Kathedrale, keine Dorfkirche.

Dass Anton Bruckners Sinfonien nicht nur für das Publikum eine große Herausforderung sind, sondern auch für die ausführenden Musiker_innen, stellt das Gewandhausorchester unter Andris Nelsons im heutigen Großen Concert unfreiwillig unter Beweis. Ungeachtet vieler schöner Solopassagen, des wie gewohnt berückend zarten Streicherklangs und glänzender Blechbläserfanfaren erreicht die Aufführung insgesamt nicht das Niveau, das man vom Gewandhausorchester erwarten darf. Das Tutti ist oft viel zu dick und lässt klangliche Differenzierung weitestgehend vermissen; der logische Aufbau der Sätze wird nicht wirklich herausgearbeitet, sondern durch zahlreiche Ungenauigkeiten eher noch verschleiert. Dass Bruckners Sinfonien mehr sind als eine überlange Aneinanderreihung schöner Stellen, wird heute Abend jedenfalls nur bedingt deutlich. Die von Herbert Blomstedt angekündigten schönen Aussichten sind tatsächlich traumhaft schön, lassen aber heute den Aufstieg als besonders holprig erscheinen.

Das zweite Werk des Abends, Richard Wagners „Siegfried-Idyll“, gelingt deutlich besser. Nelsons nimmt sich Zeit, lässt die Musik atmen und hält doch alles elegant im Fluss. Sehr gefühlvoll – nicht kitschig – interpretiert Nelsons diesen musikalischen Liebesbeweis Wagners an seine Frau, dessen reduzierte Besetzung nur mit Bläserseptett und Streichorchester für Wagner-Verhältnisse erstaunlich schlicht wirkt. Zwischen warmen Streicherkantilenen und stilisiertem Vogelgesang entfaltet sich eine ganz besondere, fast intime Atmosphäre; dass diese durch unsensibles Husten im Publikum an den unpassendsten Stellen mehrfach fast ruiniert wird, gehört wohl zu den unvermeidbaren Ärgernissen des Konzertbetriebs.

Frank Sindermann

7. Dezember 2018
Gewandhaus, Großer Saal

Gewandhausorchester
Andris Nelsons, Dirigent

Tschingderassabumm!

Marin Alsop dirigiert im Großen Concert Werke, die (fast) niemand kennt, und entzündet ein wahres Klangfeuerwerk.

Marin Alsop © Grant Leighton

In Anspielung auf das Lied mit der Muh und der Mäh wirbt das Gewandhausorchester zur Zeit auf vielen Anzeigetafeln in der Stadt damit, zu Weihnachten doch Gutscheine für „Tschingderassabumm“ zu verschenken. Das heutige Große Concert bietet davon reichlich, soviel steht fest.

Den Anfang macht Aaron Coplands Suite zum Ballett „Appalachian Spring“, die laut Programmheft – man kann es kaum glauben – noch nie zuvor im Gewandhaus gespielt wurde. Marin Alsop dirigiert klar und präzise und arbeitet die Feinheiten dieser zugleich schlichten und effektvollen Musik deutlich heraus. Dabei gelingen ihr die kontemplativen Rahmenteile ebenso gut wie die lebendigen, überschwänglichen Mittelsätze. Das Gewandhausorchester lässt seine Farben leuchten wie lange nicht mehr, betört durch makellose Soli (Flöte!) und lässt sich auch durch die zahlreichen Tempo- und Taktwechsel nicht aus der Bahn werfen. Wunderbare Musik, wunderbar gespielt.

Dies gilt auch für Ravels Klavierkonzert, das an spieltechnischen Herausforderungen noch eine Schippe drauflegt. Marin Alsop gelingt es scheinbar mühelos, den komplexen Orchestersatz und den akrobatischen Klavierpart zusammenzuhalten. Mit letzterem müht sich Javier Perianes, was man ihm jedoch niemals anmerkt. Ob die Schlagzeugeffekte im Kopfsatz oder der eigentümlich entrückte Gesang des Adagios: Perianes findet für alles den richtigen Anschlag und das richtige Timing. Als Zugabe spielt er Griegs Notturno Op. 54 Nr. 4, dessen Modernität in diesem Kontext besonders auffällt – klingt doch der Mittelteil schon arg nach Debussy.

Nach der Pause stehen Leonard Bernsteins „Chichester Psalms“ und Ravels zweite Orchestersuite aus dem Ballett „Daphnis et Chloé“ auf dem Programm. Hier tritt jeweils der Gewandhauschor hinzu und beweist auf beeindruckende Weise seine Vielseitigkeit. Von den hebräischen Texten in Bernsteins Psalmvertonung bis zu den orchestral behandelten Vokalisen in Ravels Ballettspektakel scheint dem Chor keine Herausforderung zu groß. Ruben Lorenz lässt sich seine sicherlich nicht unerhebliche Aufregung kaum anmerken und singt Bernsteins Knabensolo intonationssicher und gefühlvoll.

Das Konzert des heutigen Abends bietet ein Feuerwerk an glanzvollen Klangzaubereien und hätte sicherlich ein noch größeres Publikum angezogen, wenn die Werke nicht gar so unaussprechliche Namen hätten und schlichtweg bekannter wären. Publikumswirksam ist diese Musik in jedem Fall – oder anders gesagt: Mehr „Tschingderassabumm“ geht nun wirklich nicht!

Frank Sindermann

29.11.2018
Gewandhaus, Großer Saal

Gewandhausorchester
GewandhausChor
Marin Alsop, Dirigentin
Javier Perianes, Klavier




Fokus Böhmen: Smetana

Alan Gilbert dirigiert Smetana für Groß und Klein; Malte Arkona liest aus dem Tagebuch von Friedrich Sahne und hört ein Fagott schnarchen.

Mündung der Moldau © Hans Weingartz

Wenn in einem einzigen Konzertprogramm auf musikalische Weise von prächtigen Burgen, tanzenden Nixen, reißenden Stromschnellen, kriegerischen Amazonen, schnarchenden Rittern, Feldern und Wäldern sowie den Hussitenkriegen erzählt wird, dann steht ganz eindeutig Bedřich Smetanas Tondichtung „Má Vlast“ auf dem Programm. Während die unverwüstliche „Moldau“ nach wie vor regelmäßig gespielt wird, sind die übrigen fünf sinfonischen Dichtungen des Zyklus hierzulande eher selten zu hören. Im Rahmen des Saisonschwerpunkts „Fokus Böhmen“ erklingt das gesamte Werk nun erstmals seit zehn Jahren im Gewandhaus.

Alan Gilbert ist kein Dirigent der Extreme. Statt den durchaus vorhandenen kitschigen und pathetischen Zügen der Musik allzu sehr nachzugeben, sucht er inmitten von Triangel-Gebimmel und Paukenschlägen erfolgreich nach den feineren musikalischen Details und demonstriert auf diese Weise eindrucksvoll Smetanas melodischen Erfindungsreichtum, vor allem aber seine große Instrumentationskunst. Vom geheimnisvollen „Es war einmal“ der Harfe im eröffnenden „Vyšehrad“ bis zum Siegestaumel am Schluss von „Blaník“ spannt Gilbert einen überzeugenden dramaturgischen Bogen, der die vielfältigen Eindrücke und emotionalen Kontraste mühelos zusammenhält. 

Das Gewandhausorchester ist stilistisch in dieser Musik zu Hause und das merkt man ihm auch durchweg an. Angesichts der zahlreichen Solopassagen und Herausforderungen für nahezu alle Instrumente fällt es schwer, die Leistung der Musiker_innen individuell zu würdigen; stellvertretend seien hier die grandiosen Holzbläser genannt, die nicht nur zu Beginn der „Moldau“ virtuos die Quellen sprudeln lassen (Flöte, Klarinette), sondern auch den Gesang eines Hirtenjungen in „Blaník“ (Oboe, Klarinette) oder das Schnarchen des Prinzen Ctirad in „Šárka“ kongenial zum Leben erwecken.

Auch im Familienkonzert am Samstag Nachmittag geht es dann um jenes Schnarchen, das sich Moderator Malte Arkona erst einmal vom Fagottisten Eckehard Kupke einzeln vorspielen lässt. Im Wanderoutfit führt Arkona die Kinder und Erwachsenen durch die böhmische Landschaft und erzählt etwas über den Komponisten und sein Werk. Die immer wieder eingestreuten launigen Bemerkungen bereiten dabei nicht nur den Kindern Spaß: So bezeichnet er die Streichergruppe mal als Streichelzoo, mal als Streichelorchester, sinniert über die Vorteile der 2. Violine, falls man die erste einmal verlegt habe, wundert sich darüber, dass man mit Holzblasen Geld verdienen könne und erzählt, dass Smetanas Name übersetzt „Sahne“ bedeute.

Die Kinder lauschen von ihren eigens ausgegebenen Sitzerhöhungen aus gebannt und sind auch während der Musikdarbietungen recht konzentriert bei der Sache. Manche setzen die selbst gebastelten blickdichten Hörbrillen auf, um sich nicht durch die Augen ablenken zu lassen, andere dirigieren hingegen fleißig mit.

Als Ort zum Staunen und Entdecken zeigt sich das Gewandhaus bereits vor dem eigentlichen Konzert, indem es den großen und kleinen Besucher_innen die Möglichkeit bietet, Instrumente selbst auszuprobieren oder die Bastelstation zu besuchen und sich so das imposante Gebäude auf spielerische Art zu erschließen. 

Das Programmheft mit seinen Rätseln und Illustrationen lädt dazu ein, sich auch nach dem Konzert weiter mit Smetana und seinem Werk zu beschäftigen. An einer Stelle ist zu lesen: „Smetana heißt übersetzt »Sahne«, erste Sahne klingt auch seine Musik.“ Dies stimmt natürlich und gilt vor allem, wenn sie so gut gespielt und so liebevoll vermittelt wird wie in den Großen Concerten dieser Woche.

Frank Sindermann

22./24. November 2018
Gewandhaus, Großer Saal

Gewandhausorchester
Alan Gilbert, Dirigent
Malte Arkona, Moderation (24.11.)